[WestG] [KONF] Jahrestagung des Vereins Historikerinnen und Historiker vor Ort, Koeln, 20.06.2008

Alexander Schmidt Alexander.Schmidt at lwl.org
Do Apr 17 11:06:48 CEST 2008


Von: "Frank Ahland" <mail_westfalen at frank-ahland.de>
Datum: 15.04.2008, 21:50 


TAGUNG

Jahrestagung des Vereins
Historikerinnen und Historiker vor Ort

Thema:
"Arisierung": Die wirtschaftliche Existenzvernichtung der 
Juden in der NS-Zeit

Anlässlich der 70. Wiederkehr der so genannten 
Reichskristallnacht widmen sich die Historikerinnen und 
Historiker vor Ort (HvO), ein bundesweiter Zusammenschluss von 
stadthistorisch Arbeitenden, in ihrer diesjährigen Tagung dem 
Thema "Arisierung", um erneut die Gesellschaft der NS-Zeit als 
"Profiteure" in den Blick zu nehmen.

Das Spektrum dessen, was die Forschung mittlerweile unter dem 
Begriff "Arisierung" zusammenfasst, reicht von der älteren, 
engeren Definition, die darunter hauptsächlich die Übertragung 
von Vermögenswerten aus jüdischem in "arisches" Eigentum 
versteht, bis hin zu der neueren, weiter gefassten Definition, 
welche die Verdrängung der Juden aus der deutschen Wirtschaft, 
aber auch den Prozess der radikalen kulturellen Säuberung aller 
Lebensbereiche der deutschen Gesellschaft mit einschließt.

Beide Aspekte sollen in der diesjährigen HvO-Tagung am Beispiel 
konkreter Städte und Kommunen zur Geltung kommen. Dabei wird die 
Tagung zunächst von DR. FRANK BAJOHR (Forschungsstelle für 
Zeitgeschichte in Hamburg) mit einer Über-blicksdarstellung zum 
Thema eingeleitet. Der Beitrag skizziert die Entwicklung der 
Forschung zu den Themen "Existenzvernichtung" und "Arisierung", 
die lange Zeit ein Schattendasein fristete, aber seit den 1990er 
Jahren national und international einen enormen Aufschwung 
erlebte.

Zwei Forschungskontroversen werden näher in den Blick genommen 
werden, die um die Nutznießer der "Arisierung" (Staat oder 
Gesellschaft) einerseits und um ihre historische Einordnung 
("Ideologie" versus "Realpolitik") andererseits kreisen. 
Schließlich sollen Desiderate künftiger Forschung benannt werden,
darunter die Forderung, die Perspektive der betroffenen Juden 
stärker als bisher zu berücksichtigen, aber auch die nach einer 
integrativen Gesamtgeschichte von "Arisierung" und Restitution 
nach 1945, die von der neueren Forschung zunehmend aufgegriffen 
wird.

Danach widmet sich Prof. Dr. STEFAN GOCH (Institut für 
Stadtgeschichte Gelsenkirchen und außerplanmäßiger Professor an 
der Fakultät für Sozialwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum) 
der Frage, wie die von den Nationalsozialisten als Arisierung 
bezeichneten Wirtschaftsverbrechen an den Juden in technischer 
Hinsicht funktionierten.

Sofort nach der so genannten "Machtübernahme" durch die 
Nationalsozialisten begannen die "Aktionen", welche die jüdische 
Bevölkerung aus dem deutschen Wirtschaftsleben verdrängen 
sollten. Was mit Boykottmaßnahmen gegen jüdische Geschäfte 
begann, endete in der Überführung jüdischen Besitzes in 
"arische" Hände, im zeitgenössischen Sprachgebrauch auch als 
"Entjudung" der deutschen Wirtschaft bezeichnet. Juden wurden 
materiell völlig ausgeplündert und diejenigen, die nicht fliehen 
konnten, ermordet.

Von den Wirtschaftsverbrechen profitierten zahlreiche 
"Volksgenossen", viele halfen bei der Ausraubung der jüdischen 
Bevölkerung mit und bereicherten sich. An konkreten Beispielen 
sollen Strukturen und Prozesse der so genannten Arisierung wie 
auch der oft umstrittenen Rückerstattungen erläutert werden.

CHRISTIANE HOSS M.A. (Freie Mitarbeiterin des 
NS-Dokumentationszentrums der Stadt Köln) referiert aus ihren 
Recherchen zur Rückerstattung des Besitzes deportierter und 
emigrierter Kölnerinnen und Kölner.

Die Rückerstattungsakten aus dem Bereich der Oberfinanzdirektion 
Köln sind, wie auch die aus anderen Oberfinanzdirektionen, in 
den letzten Jahren zentral beim Bundesamt für zentrale Dienste 
und offene Vermögensfragen in Berlin gesammelt worden und dort 
der Forschung zugänglich. Die Akten enthalten neben 
Restbeständen aus den Enteignungsakten des Oberfinanzpräsidenten 
aus der Zeit vor 1945 auch als Beweisstücke in den Verfahren 
eingereichte Originale.

Geradezu unbeabsichtigt geben sie ein Bild der Jahre 1938 bis 
1943: Schilderungen (z.B. durch Briefe ins Ausland), oft zeitnah,
 finden sich über die Zerstörung von Privat- und Geschäftsräumen 
am 9. November 1938, über Ablieferung von Gold und Silber, über 
Zwangsverkäufe von Grundbesitz, über Einzelheiten der 
Vorbereitung auf die Deportation oder auch darüber, was nachher 
in den versiegelten Wohnungen der Deportierten passierte.

Neben dem für die Oberfinanzdirektion wesentlichen Moment, 
welche Vermögenswerte zum Zeitpunkt der Deportation noch 
vorhanden waren, finden sich in den Akten zahlreiche 
interessante Hinweise auf das Schicksal der Verfolgten wie auch 
die Verfahrensweisen der OFD. Christiane Hoss wird aus den Akten 
einige der Originale zeigen sowie charakteristische Passagen 
zitieren.

Neben den genannten Aspekten lassen die Akten auch einen Blick 
auf die Verfahrensweisen nach 1945 zu. Die Anspruchsteller, die 
Opfer, sahen sich nicht selten wieder denselben Akteuren 
gegenüber, die vor 1945 die Einziehung ihrer Vermögenswerte 
vorgenommen hatten. Hier ergeben sich nicht zuletzt Hinweise auf 
das (Unrechts-)Bewusstsein der deutschen Gesellschaft in der 
unmittelbaren Nachkriegzeit.

Mit Blick auf die westfälische Region wird Dr. MARLENE KLATT 
(freiberufliche Historikerin) die Arisierung jüdischer Firmen 
und Immobilien am Beispiel der Städte Hagen, Arnsberg und 
Niedermarsberg näher erläutern.

Um die Faktoren zu ermitteln, die die abweichende regionale und 
lokale Entwicklung des "Arisierungsprozesses" bestimmten, werden 
drei westfälische Kommunen unterschiedlicher Größe, Struktur und 
Milieus vergleichend in den Blick genommen. Bei den drei 
untersuchten Kommunen handelt es sich um die Städte Hagen, 
Arnsberg und Niedermarsberg im Regierungsbezirk Arnsberg, dem 
der damalige Gau Westfalen-Süd zugeordnet war und mit dessen 
Grenzen er weitgehend übereinstimmte.

Durch den komparativen Ansatz bietet sich die Möglichkeit 
herauszufinden, inwieweit, wie, mit welchen Motiven und unter 
welchen Rahmenbedingungen die offiziellen Vorgaben in der 
Judenpolitik des nationalsozialistischen Regimes bei der 
"Arisierung" vor Ort umgesetzt wurden. Ferner wird gezeigt, wie 
die Reaktionen der Bevölkerung diesen Maßnahmen gegenüber waren, 
inwieweit diese umgesetzt wurden oder man ihnen sogar entgegen 
wirkte.

Dabei geht Marlene Klatt der Frage nach, welche Faktoren den 
Verlauf des wirtschaftlichen Boykotts, der antisemitischen 
Verdrängung und der "Arisierung" vor Ort bestimmten, wobei sich 
der Vortrag auf die "Arisierung" jüdischer Unternehmen und des 
Grundeigentums von Juden konzentriert.

Im Anschluss an die Tagung besteht die Möglichkeit, an einer 
Führung durch das EL-DE-Haus teilzunehmen.

PROGRAMM
 
10:00 Uhr 
Begrüßung

10:15 Uhr
Dr. Frank Bajohr
(Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg)
"Die wirtschaftliche Existenzvernichtung der Juden
in der NS-Zeit. Forschungsbilanz und offene Fragen"
anschließend Diskussion

11:15 Uhr	     
Kaffeepause

11:30 Uhr	     
Prof. Dr. Stefan Goch
(Institut für Stadtgeschichte Gelsenkirchen)
"Wie funktionierten eigentlich die von den Nationalsozialisten 
Arisierung genannten Wirtschaftsverbrechen an den Juden?"
anschließend Diskussion

12:30 Uhr    
Mittagspause

13:30 Uhr    
Christiane Hoss M.A. (Freie Mitarbeiterin des
NS-Dokumentationszentrums der Stadt Köln)
"Rückerstattungs-Akten deportierter und emigrierter 
Kölnerinnen und Kölner"
anschließend Diskussion

14:30 Uhr    
Dr. Marlene Klatt (freiberufliche Historikerin)
"Arisierung jüdischer Firmen und Immobilien in Westfalen. 
Das Beispiel der Städte Hagen, Arnsberg und Niedermarsberg"
anschließend Diskussion

15:30 Uhr    
Abschlusspodium

16:00 Uhr    
Ende der Tagung, Kaffeepause

16:15 Uhr   
Führung durch das NS-Dokumentationszentrum


Verbindliche Anmeldungen zur Tagung werden bis zum 13.06.2008 
entgegen genommen unter info at historiker-vor-ort.de.
Weitere Informationen unter www.historiker-vor-ort.de 

Die Teilnahme an der Tagung ist kostenlos.


INFO

Veranstaltungsdaten:
"Arisierung": Die wirtschaftliche Existenzvernichtung der Juden 
in der NS-Zeit
Datum: 20.06.2008, 10 bis 17 Uhr
NS-Dokumentationszentrum / EL-DE-Haus
und Historikerinnen und Historiker vor Ort e.V.
Appellhofplatz 23-25
50667 Köln
URL: www.nsdok.de 

Kontakt:
Dr. Frank Ahland
Historikerinnen und Historiker vor Ort e.V.
Humboldtstraße 12
58452 Witten
Tel.: 02302-2035905
E-Mail: info at historiker-vor-ort.de 
URL: www.historiker-vor-ort.de