[WestG] AKT] Eroeffnung des Jakobspilgerweges durch Westfalen, 07.04.2008, Osnabrueck

Alexander Schmidt Alexander.Schmidt at lwl.org
Di Apr 8 09:43:04 CEST 2008


Von: "LWL-Pressestelle" <presse at lwl.org>
Datum: 07.04.2008, 15:08


AKTUELL

Jakobspilgerweg durch Westfalen eröffnet 
"Westfälischer Lückenschluss" verbindet Baltikum mit Spanien

In Westfalen gibt es seit Montag (7.4.) einen durchgehenden 
Jakobspilgerweg nach historischem Vorbild. Der ausgeschilderte, 
zirka 200 Kilometer lange Wanderweg folgt einer alten 
Fernhandelsstraße von Osnabrück über Münster und Dortmund nach 
Wuppertal.

"Der Weg der Jakobspilger ist das Ergebnis siebenjähriger 
Forschung unserer Altertumskommission für Westfalen", sagte Dr. 
Wolfgang Kirsch, Direktor des Landschaftsverbandes 
Westfalen-Lippe (LWL), der das 300.000 Euro teure Projekt 
finanziert hat.

"Wir spüren es an der Resonanz: Der Jakobsweg bewegt die 
Menschen, spirituell und körperlich", so Kirsch bei der 
Eröffnung in Ascheberg-Herbern (Kreis Coesfeld). Im vergangenen 
Jahr hätten fast 14.000 deutsche Pilger den Zielort der 
Pilgerfahrt Santiago de Compostela (Spanien) erreicht, 70 
Prozent mehr als im Vorjahr.

Westfälischer Lückenschluss
Mit dem "westfälischen Lückenschluss" sei der 
Baltisch-Westfälische Jakobsweg vom Baltikum bis nach 
Nordspanien so gut wie komplett. Kirsch kündigte an, dass der 
LWL die Erforschung und Auszeichnung weiterer Jakobswege in 
Westfalen mit nochmal 300.000 Euro unterstützen werde.

In Wuppertal-Beyenburg schließt eine Jakobspilger-Wanderroute an,
die der Landschaftsverband Rheinland (LVR) über Köln und Aachen 
bis nach Belgien ausgearbeitet hat. Ein Anschlussprojekt im 
Norden führt den Weg von Osnabrück durch Norddeutschland bis zum 
Baltikum fort.

Die jetzt eröffnete Trasse läuft entlang einer mittelalterlichen 
Fernhandelsstraße von Osnabrück nach Wuppertal (über Lengerich, 
Ladbergen, Münster, Herbern, Werne, Cappenberg, Lünen, Dortmund, 
Hohensyburg, Herdecke, Gevelsberg und Schwelm). Sie ist mit den 
Gemeinden vor Ort abgestimmt und mit der charakteristischen 
Jakobsmuschel (europaweit: gelb auf blauem Grund) 
ausgeschildert.

Wanderführer
Der LWL gibt zur Eröffnung einen Wanderführer für Fuß- und 
Radpilger heraus ("Der Jakobsweg von Osnabrück nach 
Wuppertal-Beyenburg" von Ulrike Spichal und Horst Gerbaulet, 12,
95 Euro, Bachem-Verlag, ISBN 978-3-7616-2210-0). Das 240 Seiten 
starke Taschenbuch beschreibt mit reichlich Kartenmaterial den 
historischen Weg, die über 1.000 Jahre alte Tradition der 
Pilgerreise, die Sehenswürdigkeiten und Einkehrmöglichkeiten 
entlang der Trasse in Westfalen.

Weitere Strecken
Weitere Strecken in Westfalen führen von Corvey (Kreis Höxter) 
über Paderborn und Soest nach Dortmund (Eröffnung 
voraussichtlich Ende 2009 oder Anfang 2010) und von Marburg über 
Siegen nach Köln (2007 eröffnet), dann stehen Strecken von 
Minden über Bielefeld nach Lippstadt (2011) und von Warendorf 
über Münster und Coesfeld an den Niederrhein (2013) an.

Wegeforschung
Das Projekt rekonstruiert die mittelalterlichen Wege und die 
Spuren der Jakobspilger in Westfalen möglichst genau, wie 
Projektleiterin Ulrike Spichal erläuterte: "Es gab für die 
Pilger in Westfalen und anderswo keine eigenen Wege, Im 
Gegenteil: Sie suchten aus Angst vor Überfällen stark 
frequentierte, bekannte Trassen."

Die Pilgerfahrt zum Grab des Apostels Jakobus des Älteren im 
über 2.000 Kilometer entfernten nordspanischen Santiago de 
Compostela hat eine Tradition, die bis ins Mittelalter 
zurückgeht. Man versprach sich die Heilung von Körper und Seele 
als Lohn für den Besuch der Kultstätte.

Aus ganz Europa kamen Pilger, Männer und Frauen aus allen 
Schichten, nach Spanien, zu Fuß oder zu Pferd. Als Beleg und 
Erkennungszeichen diente die Jakobsmuschel, die jeder Pilger in 
Santiago erstehen konnte und deutlich sichtbar an der Kleidung 
oder Umhängetasche trug.

Seit einigen Jahren erlebt die Pilgerfahrt eine Renaissance, 
nicht erst, seit TV-Stars wie Hape Kerkeling sich auf den Weg 
machten: 2007 zählte man in Santiago 114.000 registrierte 
Fußpilger, davon jeder Achte aus Deutschland. Bereits 1987 hatte 
der Europarat dazu aufgerufen, die Jakobspilgerwege in Europa zu 
erforschen. 1993 erklärte die UNESCO den Weg zum Weltkulturerbe.

Zwar sind nach Angaben von Projektleiterin Spichal auch 
bedeutende Kulturdenkmäler ohne "Pilger-Bezug" wie zum Beispiel 
Schloss Westerwinkel (Kreis Coesfeld) bei der Planung des 
Wanderweges durch Westfalen berücksichtigt worden. Weitgehend 
lehne sich der Weg in Nord-Süd-Richtung aber an historisch 
belegte Wegführungen an.

Belege für den Pilgerweg
Ulrike Spichal: "Wir haben Reste von Hohlwegen gefunden, die 
sich durch die schweren Fuhrwerke ins Gelände eingegraben 
hatten. Zollstationen, die wir nachweisen konnten, waren für den 
Wanderer keine Hindernisse, denn Pilger waren vom Wegezoll 
befreit. Zahlreich sind die Hinweise auf mögliche Herbergen wie 
Klöster und Spitäler."

In Herdecke an der Ruhr wurde zum Beispiel um 1410 an der neu 
errichteten Ruhrbrücke eine Herberge für Pilger und arme 
Reisende errichtet. In Osnabrück wurde nicht nur ein 
durchreisender Pilger bestattet, es gab hier auch eine 
Jakobikapelle und ein St. Jakobi-Gasthaus, das mittellosen 
Pilgern für maximal zwei Nächte Unterkunft bot.

Überregionale und lokale Kultstätten konnten die Wegewahl 
mittelalterlicher Pilger durchaus beeinflussen. So werden zum 
Beispiel ein wundertätiges Marienbild in Lengerich (Kreis 
Steinfurt) und die Petrikirche auf der Hohensyburg, die im 
Mittelalter eine eigene kleine Wallfahrt besaßen, auch 
Jakobspilger angezogen haben. Ankunft in Santiago und Rückkehr 
nach Hause waren bei den damali-gen Verhältnissen durchaus nicht 
sicher, so dass es wichtig war, auf dem Weg immer wieder für 
einen guten Verlauf des weiteren Weges zu beten.

Im 890 erstmals erwähnten Herbern bildete sich erst durch die 
günstige Lage an der historischen Fernstraße aus umliegenden 
Einzelhöfen ein Ortskern mit Händlern und Handwerkern, so die 
Archäologin. Herbern ist heute eine der bisher vier 
Stempelstationen für moderne Pilger durch Westfalen (neben 
Münster, Werne, Dortmund).

Pilger aus Westfalen
Über Jakobspilger, die aus Westfalen stammen, sei nur wenig 
bekannt, so die Forscherin. Bekanntester westfälischer Pilger 
ist Bischof Anno aus Minden, der sich 1174/75 auf den Weg nach 
Santiago de Compostela machte, das damals als Pilgerort 
gleichrangig neben Rom und Jerusalem stand.

Durch eine Pilgerreise konnten Verbrecher auch ihrer Strafe 
entgehen, wenn ein Gericht sie dazu verurteilte. "Bettler, 
Räuber und Steuerhinterzieher im Pilgergewand haben zusammen mit 
den Strafpilgern die Pilgerfahrt im Laufe der Zeit in Verruf 
gebracht. Jakobsbrüder wurden vielerorts mit Gesindel 
gleichgestellt.

In Herford, einer wichtigen Sammelstation für Pilger in 
Westfalen, soll die Jakobikirche 1530 wegen der Jakobspilger, 
die den Status für ihre Zwecke ausgenutzt hatten, geschlossen 
worden sein", erläutert Spichal. Für mittellose Menschen war 
jedoch eine Pilgerreise oft die einzige Möglichkeit, die Heimat 
zu verlassen. Wohlhabende konnten das Pilgern auch delegieren 
und einen Berufspilger mieten.