[WestG] [AUS] Muenster in Fotos 1968 bis 1977, 16.10.2007-27.04.2008, Muenster
Alexander Schmidt
Alexander.Schmidt at lwl.org
Fr Okt 19 11:53:31 CEST 2007
Von: "Stadt Münster" <info at presse-service.de>
Datum: 12.10.2007, 11:20
AUSSTELLUNG
Die wilden Jahre - Münster in Fotos 1968 bis 1977
Stadtmuseum blendet mit 200 Aufnahmen auf die Zeitspanne
zwischen Protest, Terror und Reformen / Auswahl aus 15 000
Negativen / Bildband zur Ausstellung
1968 bis 1977 - wie hat Münster diese Zeit erlebt? Mit Jahren
zwischen Aufbruch, Träumen, Utopien einerseits und Ernüchterung,
Zukunftsängsten, Krisen andererseits. Das Stadtmuseum Münster
blendet mit über 200 Fotografien erstmals auf jene Dekade zurück,
in der sich die Generationen unversöhnlich gegenüberstehen und
die Bundesrepublik mit dem "Deutschen Herbst" ihre größte
Bewährungsprobe meistern muss.
Sie setzt zugleich den Schlusspunkt hinter einer überaus
erfolgreichen Serie von Fotopräsentationen zur Geschichte
Münsters seit 1940. "Mit den drei Vorläuferausstellungen haben
wir 146 000 Besucherinnen und Besucher erreicht", bilanziert
Museumsdirektorin Dr. Barbara Rommé zufrieden. "Einen ähnlich
hohen Zuspruch erhoffen wir auch von dieser Schau. Sie nimmt
Ereignisse in den Fokus, die viele nicht nur als Zeitgeschichte,
sondern aus eigenem Erleben erinnern".
Diskutierfreudige Ära
Vielleicht als Demonstrant? Protest in den 1970er Jahren, wohin
das Auge reicht. Es gehen nicht allein Studenten auf die Straße;
es ist eine diskutierfreudige Ära, die alle
Gesellschaftsschichten erfasst: Landwirte ziehen mit ihren
Treckern massiv am Hindenburgplatz auf, Elterninitiativen sorgen
mit lautstarken "Go Ins" bei Ratssitzungen für Schlagzeilen, der
Paragraph 218 mobilisiert Frauen. Die Fotos richten den Spot auf
frühe Hausbesetzungen - darunter Frauenstraße 24 und
Fürstenberghaus - auf Busblockaden und auf Massenkundgebungen
vor dem Rathaus beim offiziellen Empfang für Bundeskanzler
Kiesinger.
Für diese Ausstellung sichteten Dr. Axel Schollmeier und Dr.
Wibke Becker 15 000 Negative, um die zeittypischsten für ihre in
elf Themen gegliederte Ausstellung auszuwählen. "Die Aufnahmen
stammen aus Archiven, Fotosammlungen und private Alben",
erläutert Axel Schollmeier. "Vor allem die Profi-Fotografen
Willi Hänscheid, Rudolf Krause und Christoph Preker haben mit
ihren Beständen gleichsam ein fotografisches Gedächtnis der
Stadt geschaffen", so der stellvertretende Museumsleiter.
An ihnen lässt sich auch die "große Politik" dieser Zeit
nachvollziehen. Sie zeigen Helmut Kohl und Willy Brandt bei
Wahlkämpfen in der Domstadt oder die Visite von Gustav Heinemann
im April 1970 bei den Panzergrenadieren in Handorf. Begleitet
wurde der Bundespräsident und bekennende Pazifist - im Ersten
Weltkrieg gut 50 Jahre zuvor in Münster zum Kanonier ausgebildet
- von Verteidigungsminister Helmut Schmidt. Andere Fotos halten
die Reaktionen der Münsteraner auf Terror und Gewalt der Roten
Armee Fraktion (RAF) fest: Trauermärsche formieren sich für den
ermordeten Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer.
Unterricht auf Schulfluren
Eigene Einheiten widmen die beiden Ausstellungsmacher dem
Alltagsleben der Münsteraner mit Schule, Beruf und Freizeit.
Geburtenstarke Jahrgänge sorgen in den 1970iger Jahren für
Raumnot. Der provisorische Unterricht auf dem Schulflur bleibt
kein Einzelfall. "In vielen Berufszweigen tritt der Computer
seinen Siegeszug an, und Kopiergeräte erlösen Studenten vom
zeitraubenden Abschreiben und Zusammenfassen", beschreibt Axel
Schollmeier technischen Fortschritt. Carrera-Bahn und
Bonanza-Fahrrad sind die Kult-Spielzeuge jener Zeit. Die
Hollywood-Schaukel hält auf Münsters Terrassen Einzug, und jeden
Sommer aufs Neue versuchen Behörden, dem freizügigen Treiben am
KÜ Einhalt zu gebieten.
Im November 1968 feiert die Bevölkerung in Anwesenheit von
Verkehrsminister Leber die Fertigstellung der "Hansalinie", eine
erhebliche Verbesserung der Anbindung Münsters ans Autobahnnetz.
Die Fotografien fünf Jahre später indes dokumentieren Grenzen
wirtschaftlichen Wachstums: Das Stadtmuseum spiegelt
Auswirkungen der Rezession im Zuge der Ölkrise von 1973. Auch in
Münster war sie mit Anstieg der Arbeitslosigkeit und autofreien
Sonntagen verbunden. Die einstige Aufbruchstimmung in der
Bundesrepublik wich einem vielschichtigen Krisenbewusstsein.
"Die Mode indes war nie mehr zuvor oder danach so schrill, bunt
und extravagant wie in jenen Jahren", so Wibke Becker vor
entsprechenden Fotodokumenten in der Ausstellung. Hosenbeine
wurde breiter, Röcke immer kürzer. Jeans und Parka entwickelten
sich von einem Protestsymbol der Studentenbewegung zum
wichtigsten Bestandteil jugendlicher Alltagsuniform. Die
Historikerin: "Auch am Lambertibrunnen, dem Szene-Treffpunkt für
Münsters Oberstufen, gehörten diese ehemals provokanten
Kleidungsstücke bald zur vorherrschenden Mode".
INFO
"Die wilden Jahre"
Münster in Fotos 1968 bis 1977
Fotoausstellung 16. Oktober 2007 bis 27. April 2008
Stadtmuseum Münster
Salzstraße 28
Öffnungszeiten: dienstags bis freitags 10 bis 18 Uhr
samstags/sonntags 11 bis 18 Uhr
Eintritt frei
Zur Ausstellung ist ein Bildband (16,80 Euro) erschienen.