[WestG] [AKT] Palmsonntag: geweihte Palmstoecke sollten vor Unheil schuetzen
Alexander Schmidt
Alexander.Schmidt at lwl.org
Mi Mär 28 11:31:55 CEST 2007
Von: "LWL-Pressestelle" <presse at lwl.org>
Datum: 28.03.2007, 09:17
AKTUELL
Palmsonntag: geweihte Palmstöcke aus Buchsbaum, Weiden oder
Wacholder sollten vor Unheil schützen
Der Palmsonntag (1.4.) ist im kirchlichen Leben von sehr
gegensätzlichen Gefühlen geprägt: Einerseits wird zu Beginn der
Karwoche in den Gottesdiensten die Passion (Leiden und Sterben
Jesu) gelesen, andererseits erinnert die Kirche am Sonntag vor
Ostern an den feierlichen Einzug Jesu in Jerusalem, bei dem ihm
die Menschen Palmenzweige schwenkend einen königlichen Empfang
bereiteten. Daran erinnern noch heute zahlreiche Bräuche in ganz
Westfalen.
Dabei stehen stets die so genannten Palmstöcke im Mittelpunkt:
"Da Palmen in unseren Breiten nicht beheimatet sind, bildeten
die Menschen früher die biblischen Palmzweige mit Material aus
ihrer Umgebung nach. Aus Buchsbaum, Weidenkätzen oder Wacholder
fertigten sie Palmstöcke oder Palmstecken, die von Region zu
Region sehr verschieden aussahen", erklärt Sonja Temlitz von der
Volkskundlichen Kommission für Westfalen beim Landschaftsverband
Westfalen-Lippe (LWL).
Eng miteinander verbunden sind die Prozession und die Palmweihe,
die schon für das Frühmittelalter belegt sind. In der
katholischen Kirche versammeln sich am Palmsonntag die Gläubigen
vor der Kirche, um mitgebrachte "Palmen" vom Priester segnen zu
lassen. Anschließend zieht die Gemeinde zum Hochamt ins
Gotteshaus ein. Besonders feierlich sind diese Prozessionen in
den Bischofsstädten gestaltet. In Münster etwa geht es in einem
großen Zug von der Petrikirche zum St. Paulus-Dom, wobei die
Domgeistlichen heute Zweige von echten Palmen tragen.
Die größte Formenvielfalt der Palmstöcke bot das Münsterland, wo
diese mit Buchsbaum, Bändern und Naschwerk verziert wurden. In
Gronau-Epe (Kreis Borken) bestanden die Palmen aus mehrfach
gegabelten Stöcken mit Preiselbeerbüscheln an den Spitzen und
behängt mit bunten Papierstreifen, Süßigkeiten und Obst. Nach
den Erinnerungen eines Berichterstatters des Volkskundearchivs
wurden in Münster-Altenberge "Nüsse eingekerbt und dann auf die
Buchsblättchen geklemmt. Je mehr Nüsse den Palmstock zierten, um
so schöner war er. Die Nüsse verursachten natürlich durch das
Aneinanderstoßen beim Schütteln ein ganz beträchtliches
Geklirre". Vielerorts wurde der Bast der Stöcke auch mit
Ziehmessern oder Glasscherben in Längsrichtung geschabt, so dass
er sich kräuselte und Wülste ("Krüllen") bildete.
Für die Gebiete an der niederländischen Grenze waren besonders
geformte Brote typisch, so etwa in Vreden (Kreis Borken) das
Palmrad und in der Stadt Bocholt (Kreis Borken) der Palmvogel.
Im Westmünsterland hat sich der Palmbrauch zu einer Art
Kinderfest entwickelt. "Bis heute ziehen Kinder in den
Nachbarschaften von Haus zu Haus, singen ein Lied und bekommen
Süßigkeiten, die sie an die Palmstöcke hängen", berichtet
Temlitz.
In anderen Regionen Westfalens wurden aus Weidenzweigen
"Palmbünde" oder "Palmpacken" gebunden, in denen oft noch Äpfel
steckten, die die Familie nach dem Hochamt gemeinsam verzehrte.
"Am Abend vor Palmsonntag war es Aufgabe des Vaters, das
Palmbund zusammenzustellen. Er nahm einen besonders langen
Weidenzweig, befreite ihn von den Kätzchen und glättete ihn mit
dem Messer. Auf diesen glatten Zweig schob er dann eine Reihe
Äpfel, sechs bis acht manchmal sogar zehn Stück, möglichst dick
und leuchtend rot, die eigens zu diesem Zweck im Winter
zurückgelegt worden waren. Der Zweig mit den Äpfeln wurde
ringsum mit Weidenzweigen umgeben und mit einem hellen Band
zusammengehalten", schreibt ein Berichterstatter des
Volkskundearchivs aus Alfen im Kreis Paderborn.
Am Palmsonntag trugen die noch nicht schulpflichtigen Kinder die
Palmstöcke zur Palmweihe. Kinderlose Familien bekamen im
Austausch für eine kleine Gabe von Nachbarskindern einen Teil
des gesegneten Palmstockes geschenkt. Denn den geweihten Palmen
wurden unheilabwehrende Kräfte zugesprochen. "Deshalb bewahrte
man sie zuhause sichtbar auf, vor allem neben Kruzifixen und
Christus- oder Marienbildern, aber auch in den Ställen und
anderen Wirtschaftsräumen. Waren Menschen oder Tiere erkrankt,
bekamen sie kleine Mengen des getrockneten Palmen zu essen, und
bei Gewittern wurden Teile desselben verbrannt", berichtet
Temlitz.
Im Paderborner Land und im kurkölnischen Sauerland war es üblich,
am Ostermorgen die kleingeschnittenen Palmzweige in Kreuzform
auf die Ecken der Felder zu legen und ein Gebet darüber zu
sprechen, um Wetterschaden abzuwehren. Während der Bauer etwa im
Hönnetal (Märkischer Kreis) ein Vaterunser betete, sagte er in
Olpe: "Ich pälme dich am heiligen Ostertag, Gott bewahre dich
vor Blitz, Donner und Hagelschlag...".
Die Tradition der Palmstöcke oder -bünde hat sich bis heute
gehalten. Viele Kinder basteln rund eine Woche vor Palmsonntag
in Kindergärten, Grundschulen und Kommuniongruppen Palmstöcke.
"Auch in der evangelischen Kirche sind Weidenkätzchen als
Palmzweige verbreitet, nur dass sie hier nicht geweiht sondern
als Tischschmuck in Vasen gestellt werden. Zudem war der
Palmsonntag traditionell der Tag der Konfirmation, während sie
heute oft an einem Sonntag zwischen Ostern und Pfingsten
gefeiert wird", sagt LWL-Volkskundlerin Sonja Temlitz aus.