[WestG] [AKT] Erste "Doppel-Doktorin" in der RUB-Geschichtswissenschaft
Alexander Schmidt
Alexander.Schmidt at lwl.org
Mi Jul 11 11:41:25 CEST 2007
Von: "Josef König" <josef.koenig at presse.ruhr-uni-bochum.de>
Datum: 10.07.2007, 14:39 >>>
AKTUELL
Erste "Doppel-Doktorin" in der RUB-Geschichtswissenschaft
Vergleich: Belgische und französische Bergwerke unter
deutscher Besatzung
Deutsch-Französische Co-tutelle de thèse abgeschlossen
Mit ihrer Untersuchung der "Arbeitsverhältnisse und
Arbeitsbeziehungen im nordfranzösischen und belgischen
Steinkohlenbergbau unter deutscher Besatzung (1940-1944)" hat
Nathalie Piquet als erste Studentin der Geschichtswissenschaft
in Bochum und Lille den "Doppel-Doktor" gemacht. Sie hat das
gemeinsame Promotionsverfahren der Ruhr-Universität Bochum und
der Universität Charles de Gaulle-Lille 3 durchlaufen und wurde
am 10. Juli 2007 von einer vierköpfigen Prüfungskommission mit
je zwei Gutachtern von jeder Uni in Bochum geprüft. Beide
Hochschulen haben auch je einen Betreuer für die so genannte
"Co-tutelle de thèse" benannt: Prof. Dr. Klaus Tenfelde von der
RUB und Jean-Francois Eck aus Lille. Nathalie Piquet hat unter
anderem herausgearbeitet, dass die Arbeiter in Belgien und
Frankreich anders als in Deutschland gegen die deutsche
Regierung eingestellt waren. Entsprechend hatten es auch die
dortigen Zwangsarbeiter leichter als in Deutschland: Sie wurden
von der Arbeiterschaft und der Résistance unterstützt.
Lebensbedingungen für Zwangsarbeiter in Belgien und Frankreich
waren besser
Der Vergleich der Lebens- und Arbeitsbedingungen der
Zwangsarbeiter im belgischen und französischen Bergbau zeigt,
dass die Verpflegung zwar auch in Belgien und Frankreich
schlecht, aber der Abstand zu den einheimischen Bergleuten nicht
so groß war wie im Reich, namentlich im Ruhrgebiet. Trotz der
harten Arbeitsbedingungen sowie der schlechten
Gesundheitsversorgung waren die Überlebenschancen höher, weil
erstens die Ausbeutung der Arbeitskraft nicht so extensiv
ausfiel. Zweitens kamen (rassistisch motivierte) Misshandlungen
nur sehr selten vor und die Wachmannschaften konnten auf
keinerlei Unterstützung durch die belgischen und französischen
Arbeiter rechnen. Auch die auf Einbürgerung hoffenden
"Volksdeutschen" unter den nach dem Ersten Weltkrieg aus dem
Ruhrgebiet eingewanderten "Polen" waren innerhalb der
Bergarbeiterschaft weitgehend isoliert und entsprachen den
Erwartungen der deutschen Besatzung hinsichtlich Spitzeldiensten
und Streikbrecherei nicht. Der dritte und wichtigste Unterschied
zur Situation im Ruhrgebiet waren jedoch die wesentlich eher
Erfolg versprechenden Fluchtmöglichkeiten. Flüchtlinge konnten
nicht nur auf Unterstützung durch die einheimische Bevölkerung
rechnen, sondern fanden auch in der Widerstandsbewegung eine
vergleichsweise gute Überlebensperspektive.
Mehr als "nur" Zwangsarbeiter
Trotz ihrer Einbettung in die übergreifende
Zwangsarbeiterthematik greift die Arbeit von Nathalie Piquet
weit darüber hinaus. Denn der Zwangsarbeitereinsatz spielte in
keinem der sechs untersuchten Reviere (mit 1% bis 5% in den
beiden französischen und drei belgischen Revieren sowie 14,5% in
der belgischen Campine) auch nur annähernd die Rolle wie im
Steinkohlenbergbau im Reich, wo der Anteil etwa im Ruhrgebiet
zeitweise bei 40% lag. Es geht in der Arbeit also auch um die
belgischen und französischen Arbeiter (einschließlich der
polnischen und italienischen Zuwanderer) und nicht nur um die
deportierten ukrainischen Zivilarbeiter oder "russischen" und
serbischen Kriegsgefangenen.
Weit über den zweiten Weltkrieg hinaus geschaut
Ferner blickt Nathalie Piquet auch über die Zeit des Zweiten
Weltkriegs hinaus. So untersucht sie das Zwangsarbeiterthema
eingebettet in den größeren Kontext der Arbeitsverhältnisse und
Arbeitsbeziehungen in den Revieren seit dem Ersten Weltkrieg,
unter der deutschen Besatzung, unter konservativen und
Volksfront-Regierungen in der Zwischenkriegszeit, wieder unter
deutscher Besatzung und schließlich auch in der unmittelbaren
Nachkriegszeit. Die Entwicklung der Arbeits- und
Lebensverhältnisse der belgischen bzw. französischen
Bergarbeiterschaft im zweiten Weltkrieg wäre ohne den Rückgriff
bis in die Besatzungszeit des Ersten Weltkriegs gar nicht zu
verstehen. Insbesondere für das eindeutig auf Kooperation mit
den Belegschaften und nicht mit der deutschen Besatzung setzende
Verhalten der belgischen Bergwerksunternehmer während der
Besatzungszeit im Zweiten Weltkrieg, das sich fundamental von
dem der kollaborationsbereiteren französischen Unternehmer
unterschied, waren die Erfahrungen im Ersten Weltkrieg mit den
anschließenden massiven Kollaborationsvorwürfen konstitutiv. Das
erklärt auch die unterschiedliche Entwicklung in der
unmittelbaren Nachkriegszeit, die in Belgien nach Überwindung
der Schwierigkeiten unmittelbar nach der Befreiung in eine
vergleichsweise ruhige Entwicklung mündete, während in den
nordfranzösischen Revieren trotz der Verstaatlichung des
Bergbaus keine Ruhe einkehren sollte. Denn die bei den
Bergleuten durch ihr Verhalten während des Krieges verhassten
Ingenieure und Steiger verblieben dort weiterhin in ihren
Funktionen.
Größerer Rahmen: Zwangsarbeit im Bergbau
Nathalie Piquet hat während ihrer Forschungstätigkeit zehn
Monate an der Universität in Lille verbracht, den Rest der Zeit
am Institut für Soziale Bewegungen der Ruhr-Universität. Davor
hat sie in Bochum Geschichte und Französisch studiert. Die
38-jährige, die gerade Mutter geworden ist, arbeitet zurzeit als
Referendarin im Schuldienst. Die Dissertation ist am Institut
für soziale Bewegungen im Rahmen eines größeren
Forschungsprojektes zur Zwangsarbeit im deutschen Kohlenbergbau
entstanden. Dieses mittlerweile abgeschlossene Projekt nahm
nicht nur die reichsdeutschen Montanreviere in den Blick,
sondern auch Reviere in den vor und während des zweiten
Weltkriegs besetzten Ländern. Dazu gehörten auch Nordfrankreich
und Belgien mit ihren insgesamt sechs Steinkohlenrevieren
zwischen Lüttich und Lille.
INFO
Prof. Dr. Klaus Tenfelde
Institut für Soziale Bewegungen der Ruhr-Universität Bochum
Haus der Geschichte des Ruhrgebiets
Clemensstr. 17-19
44789 Bochum
Tel.: 0234/32-28687
E-Mail: Klaus.Tenfelde at rub.de