[WestG] [AKT] Zeuge des Holocaust aus Westfalen: Neue DVD des LWL portraetiert Kurt Gerstein
Alexander Schmidt
Alexander.Schmidt at lwl.org
Mi Jan 31 09:50:48 CET 2007
Von: "LWL-Pressestelle" <presse at lwl.org>
Datum: 29.01.2007, 11:10
AKTUELL
Zeuge des Holocaust aus Westfalen:
Eine der "merkwürdigsten, widersprüchlichsten und auch
unheimlichsten Figuren des Widerstands im Dritten Reich" hat der
Schauspieler Ulrich Tukur Kurt Gerstein genannt. Jetzt erinnert
der Landschaftsverband Westfalen-Lippe mit einem Filmporträt an
den in Münster geborenen Augenzeugen des Holocaust. *Ein
spannendes und formal überzeugendes Porträt", urteilt das
Kurt-Grimme-Institut über den Film.
"Das Leben Kurt Gersteins ähnelt einer Achterbahnfahrt", meint
Dr. Markus Köster, Leiter des LWL-Medienzentrums für Westfalen,
das den Film gemeinsam mit dem Landeskirchlichen Archiv der
Evangelischen Kirche von Westfalen und der Matthias-Film gGmbH
als DVD für die Bildungsarbeit herausgebracht hat.
Gersteins Elternhaus steht auf der Heerdestraße in Münster. Hier
wurde er am 11. August 1905 als Sohn des Landgerichtspräsidenten
Ludwig Gerstein und seiner Frau geboren. Hier verlebte er die
ersten sechs Jahre seines Lebens. In den 1920er Jahren fand
Gerstein, dessen Jugend von häufigen Umzügen geprägt war und der
vielleicht auch deshalb als schwieriges Kind galt, seine
geistige Heimat in der protestantischen Jugendbewegung. Nach
einem Bergbaustudium wurde er 1933 auf Drängen der Familie, aber
auch aus beruflichen Gründen, Mitglied der NSDAP. Noch im
gleichen Jahr protestierte Gerstein, der inzwischen in Hagen
lebte, als Bundesführer im Bund Deutscher Bibelkreise heftig
gegen die Eingliederung der evangelischen Jugend in die HJ. Drei
Jahre später führte seine andauernde Kritik an antichristlichen
Tendenzen des nationalsozialistischen Regimes zu seinem
Ausschluss aus der NSDAP; es folgten mehrere Festnahmen, KZ-Haft
und ein Berufsverbot.
1941 vollzog sich dann eine weitere, ausgesprochen überraschende
Wende in Gersteins Leben: Als Freiwilliger trat er in die
Waffen-SS ein. Seinen konsternierten Freunden erklärte er, einen
Blick hinter die Kulissen des Terrorregimes, "in die Feueröfen
des Bösen" tun zu wollen. Im Hygiene-Institut der Waffen-SS
machte Gerstein rasch Karriere und gelangte schließlich
tatsächlich in die Vernichtungslager Belzec und Treblinka, wo er
Augenzeuge der Massenvergasung von Juden wurde.
Tief geschockt versuchte er die internationale Öffentlichkeit zu
informieren, fand aber kaum Gehör. Rolf Hochhuth hat dies 1963
zu seinem berühmten Theaterstück "Der Stellvertreter"
inspiriert. Im Frühjahr 1945 stellte sich der Widerständler in
SS-Uniform freiwillig den Alliierten. Sein Gerstein-Bericht, den
er in französischer Internierung verfasste, ist eine der
frühesten und erschütterndsten Augenzeugendarstellungen des
Holocaust. Wenige Monate später wurde Kurt Gerstein in seiner
Zelle im Pariser Militärgefängnis Cherche-Midi erhängt
aufgefunden, wahrscheinlich hatte er Selbstmord begangen.
Nach dem Krieg galt er zunächst als "belastet"; erst 1965 wurde
er rehabilitiert. "Bis heute lässt Gersteins erstaunliche
Biografie immer noch viele Fragen offen, seine Person sperrt
sich gegen alle gängigen Täter-Opfer-Kategorisierungen der
nationalsozialistischen Zeitgeschichte" so Markus Köster.
Trotzdem ist er sich gemeinsam mit dem Leiter des Archivs der
Evangelischen Kirche von Westfalen und Nachlassverwalter
Gersteins, Prof. Dr. Bernd Hey, sicher, dass sich auch Schüler
im Geschichtsunterricht mit Kurt Gerstein beschäftigen sollten:
"Gersteins Leben und Handeln zeigen exemplarisch, dass es in der
NS-Diktatur nicht nur schwarz oder weiß gab, sondern viele
Facetten und Schattierungen, die es in der historischen
Erinnerung wahrzunehmen und weiterzugeben gilt", so die beiden
Historiker.
Der Film "Kurt Gerstein - Der Christ, das Gas und der Tod" von
Claus Bredenbrock und Pagonis Pagonakis veranschaulicht dies auf
eindrucksvolle Weise. Anhand von historischen Dokumenten,
Zeitzeugenaussagen und aktuellen Interviews - u.a. mit dem
Theaterregisseur Rolf Hochhuth sowie dem Schauspieler und
Gerstein-Darsteller Ulrich Tukur - schildert das ursprünglich im
Auftrag des WDR entstandene Porträt das wechselvolle Leben des
Kurt Gerstein und seine Rezeption nach 1945. Am 29. Januar wird
die DVD-Edition in Anwesenheit von Hagens Oberbürgermeister
Peter Demnitz, LWL-Direktor Dr. Wolfgang Kirsch und dem Präses
der Evangelischen Kirche von Westfalen, Alfred Buß, im
Historischen Centrum Hagen erstmals der Öffentlichkeit
vorgestellt.
INFO
Kurt Gerstein
Der Christ, das Gas und der Tod
Ein Film von Claus Bredenbrock und Pagonis Pagonakis
DVD-Edition herausgegeben im Auftrag des Landschaftsverbandes
Westfalen-Lippe, der Evangelischen Kirche von Westfalen und der
Matthias-Film gGmbH
Film ca. 30 Minuten 44-seitigem Begleitheft
14,90 Euro plus Versandkosten
45 Euro mit dem Recht zur Öffentlichen Vorführung und zum Verleih
Bezug:
LWL-Medienzentrum für Westfalen
medienzentrum at lwl.org
Fax: 0251/591-3982
oder im Buchhandel