[WestG] [AKT] LWL-Volkskundlerin zur Weihnachtsbaeckerei
Alexander Schmidt
Alexander.Schmidt at lwl.org
Mo Dez 3 11:58:35 CET 2007
Von: "LWL-Pressestelle" <presse at lwl.org>
Datum: 30.11.2007, 12:23
AKTUELL
Wenn Hase und Nikolaus sich treffen
LWL-Volkskundlerin zur Weihnachtsbäckerei
Nicht verkaufte Schokoladen-Nikoläuse werden zu Osterhasen umgeschmolzen:
Hartnäckig hält sich dieses Gerücht, obwohl Hersteller alljährlich auf die
Unwirtschaftlichkeit einer solchen "Wiedergeburt" hinweisen. Aber zwischen
Nikolaus und Hase gibt es tatsächlich eine Verbindung: "Hasen waren ein
übliches Figurengebäck der Adventszeit, bevor sich der Stutenkerl allgemein
durchsetzte", erläutert Sonja Böder von der Volkskundlichen Kommission für
Westfalen beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL).
Die aus leicht gesüßtem Hefeteig gebackenen Hasen hatten etwa die Größe einer
Männerhand und waren mit Rosinen verziert, wie Gewährsleute des
Volkskundearchivs aus Kreuztal-Krombach und Littfeld im Kreis Siegen berichten.
Der Begriff "Hase" umfasste aber auch andere Figuren, wie Hühner, Männer,
Pferde und Reiter. Da die Herstellung der frei geformten Gebäcke nicht einfach
war, wurden sie zumeist beim Bäcker gekauft. Für ein Hähnchen bezahlte man
Anfang des letzten Jahrhunderts in Mettingen im Kreis Steinfurt zweieinhalb
Pfennig und für ein Pferdchen fünf Pfennig. Im Märkischen Sauerland waren bis
zu einem halben Meter große Reiterfiguren beliebt, wie für Kierspe belegt ist.
Hingegen bevorzugte man in Recklinghausen-Suderwick Enten, ein in Schneckenform
gedrehtes Hefegebäck mit einem Kopf, der eine Korinthe als Auge hatte.
Korinthen und Rosinen waren für die Kinder sehr wichtig, da sie das tier- oder
menschenähnliche Aussehen der Figuren verstärkten. Außerdem waren sie teuer und
daher ein seltenes Vergnügen.
Nicht weniger beliebt war die Tonpfeife, die der Stutenkerl häufig im Mund hat:
"Die Pfeife wurde zum Seifenblasen benutzt, und größere Jungen rauchten darin
wohl auch Pfefferminztee", erinnert sich ein Berichterstatter aus Coesfeld.
Der Stutenkerl - auch Klaoskerl, Klogges, Klosmann oder Büxenwülfe genannt -
konnte bis zu 50 Zentimeter groß sein und wurde in mehreren Tagen gegessen. Der
Rest war dann oft ziemlich trocken, eben "So dröge as Sünteklaos' Äß".
"Spekulatius gibt es zu Weihnachten und Nikolaus. Ein Gabenteller ohne
Spekulatius ist nicht vollwertig", betont eine Gewährsperson aus Holtwick
(Kreis Coesfeld). Auch in den alten Spekulatiusformen haben Hasen, Enten,
Pferde und Hähnchen ihren festen Platz, denn für das Mürbeteiggebäck wurden
besonders Tiergestalten bevorzugt, wie in einem Bericht aus Atteln im Kreis
Paderborn zu lesen ist. Wurden die Spekulatien zu Hause gebacken, kamen meist
metallene Ausstecher zum Einsatz, während der Bäcker hölzerne Model benutzte.
"Spekulatius war das Hauptgebäck der Adventszeit, allerdings wurde die
Bezeichnung erst im Laufe des 20. Jahrhunderts üblich", erklärt Böder. So heißt
es im Siegeland "Konfekt", im Märkischen "Tedelittken" und in der Grafschaft
Bentheim "Sünte-Klaos-Gut". Vermutlich hat sich der Spekulatius ebenso wie der
Stutenkerl von den Niederlanden aus in Westfalen verbreitet.
Im Mindener Raum, wo der Spekulatius früher kaum bekannt war, gab es als
besonderes Weihnachtsgebäck die "Weißen Bilder". Der Teig wurde ausgerollt und
mit eisernen Formen ausgestochen, deren Motive denen der Spekulatien ähneln.
Das Gebäck wurde dann bei geringer Hitze gebacken, damit es weiß blieb
Anschließend wurden die Konturen der Figuren mit roter Farbe nachgezogen. "Der
optische Genuss soll den geschmacklichen weit übertroffen haben", zitiert Böder
die Quellen.
Hintergrund:
Dem Kulinarischen unserer Tage widmet sich das aktuelle Forschungsprojekt "Wie
westfälisch isst Westfalen?" der Volkskundlichen Kommission des LWL. Wer an der
Umfrage teilnehmen möchte, kann den Fragebogen im Internet
(www.volkskunde-westfalen.de) ausfüllen oder ihn telefonisch anfordern
(0251/8324406). Zu gewinnen gibt es auch etwas: Gutscheine der Aktion
"Regionale Speisekarte: So schmeckt das Münsterland!" über ein Essen für zwei
Personen.