[WestG] [LIT] Kraemer, Hans Martin: Neubeginn unter US-amerikanischer Besatzung?
Alexander Schmidt
Alexander.Schmidt at lwl.org
Mit Sep 27 15:48:46 CEST 2006
Von: "Josef König" <josef.koenig at presse.ruhr-uni-bochum.de>
Datum: 26.09.2006, 13:18
LITERATUR
Hochschulreformen von außen?
Universitäten zwischen Faschismus und Besatzungszeit
RUB-Studie zur japanischen Geschichte im 20. Jahrhundert
Wie beim deutschen Bild der "Stunde Null" gibt es auch in Japan die
Vorstellung, mit der Kriegsniederlage im August 1945 habe ein neues
Kapitel der Geschichte begonnen. Dies gilt besonders für den Bereich
Bildung, in dem die US-amerikanische Besatzungsmacht scheinbar
einseitig Reformen von oben verordnet und damit eine Amerikanisierung
des Bildungssystems bewirkt hat. Der Japanhistoriker der
Ruhr-Universität Bochum Hans Martin Krämer hat dieses Geschichtsbild
kritisch beleuchtet und konnte in seiner ausgezeichneten Dissertation
ganz überraschende Kontinuitäten über die Epochengrenze 1945 hinweg
feststellen. Seine Ergebnisse sind insbesondere für den Vergleich mit
Deutschland von großer Bedeutung. Ausgezeichnet wurde seine Arbeit mit
dem Wilhelm-Hollenberg-Preis der Gesellschaft der Freunde der RUB für
das Jahr 2005.
Bildungsexpansion
Haben bisherige Studien zur Hochschulpolitik stets entweder die Zeit
vor 1945 oder die Nachkriegszeit behandelt, so untersuchte Krämer
erstmals beide Perioden gleichgewichtig. Dabei konnte er Kontinuitäten
sowohl in den Diskussionen über Bildung, als auch in der praktischen
Hochschulpolitik feststellen. Die strukturelle Ausweitung des
Hochschulzugangs stand schon in den 1930er Jahren auf der
Tagesordnung.
Ziel war die Lockerung des bislang über elitäre Oberschulen streng
reglementierten Zugangs zu den staatlichen Universitäten durch die
Abschaffung eben dieser Schulen. Aber auch Frauen sollten erstmals
Zugang zu Universitäten erlangen und Pädagogische Seminare zur
Lehrerausbildung zu Pädagogischen Hochschulen aufgewertet werden.
Chancengleichheit
Überdies wurde die Expansion des Hochschulzugangs unter dem Schlagwort
"Chancengleichheit" diskutiert. Bildungschancen sollten sowohl
hinsichtlich sozialer Stellung als auch bezüglich Geschlecht und
geographischer Herkunft gerechter verteilt werden. Dass dieser Begriff
in der Diskussion der 1930er Jahre vorherrschte, überrascht gerade aus
heutiger Sicht: Häufig hält man ihn für eine Erfindung der
bildungspolitischen Diskussion der 1960er Jahre.
Gleichheit und "Volksgemeinschaft"
Forderungen nach Gleichheit im Bildungswesen gingen vor 1945 nicht wie
nach Kriegsende mit Vorstellungen von Demokratie einher. Gleichheit
wurde vielmehr als innerhalb einer totalitären Gesellschaft vom Staat
zu verwirklichende Vereinheitlichung der sozialen Verhältnisse
verstanden. Ein breiter Konsens strebte die Schaffung einer
"Volksgemeinschaft" in einer Art "nationalem Sozialismus" an.
Vergleich mit Deutschland
An dieser Stelle lassen sich Anknüpfungspunkte für einen Vergleich mit
Deutschland finden. Nicht erst der Historiker Götz Aly hat mit seinem
im letzten Jahr erschienenen und viel diskutierten Buch "Hitlers
Volksstaat" darauf hingewiesen, dass die "Volksgemeinschaft" im
nationalsozialistischen Deutschland mehr als nur reine Rhetorik war.
Die Berücksichtigung dieses Faktors hilft dabei, die Unterstützung für
den Faschismus von unten zu erklären. Der Vergleich mit dem
japanischen
Fall zeigt, was den deutschen Faschismus einzigartig macht und wo er
einem allgemeinen Muster folgte.
INFO
Titelaufnahme
Hans Martin Krämer: Neubeginn unter US-amerikanischer Besatzung?
Hochschulreform in Japan zwischen Kontinuität und Diskontinuität,
1919-1952. Berlin: Akademie Verlag 2006 (317 Seiten, gebunden, 54,80
Euro, ISBN 3-05-004278-8).
Weitere Informationen
Hans Martin Krämer, Tel. 0234/32-26256,
hans.martin.kraemer at ruhr-uni-bochum.de, Internet:
http://www.ruhr-uni-bochum.de/gj/kraemer.html