[WestG] [AUS] LWL-Wanderausstellung zeigt Bilder aus Mission und Kolonien, 21.09-19.11.2006, Werl

Alexander Schmidt Alexander.Schmidt at lwl.org
Mit Sep 20 11:36:47 CEST 2006


Von: "LWL-Pressestelle" <presse at lwl.org>
Datum: 20.09.2006, 11:01


AUSSTELLUNG

Selbstinszenierung mit dem Fotoapparat:
LWL-Wanderausstellung zeigt Bilder aus Mission und Kolonien

Als das Deutsche Reich in den Wettlauf um Kolonien einstieg, 
hatte die Fotografie bereits die Massentauglichkeit erreicht. 
Deshalb gibt es zahlreiche Fotos, die die fernen Regionen in 
den Blick nehmen. Einen Ausschnitt aus westfälischen Foto-
sammlungen aus der jüngsten Phase deutscher Mission und
Kolonialzeit zeigt der Landschaftsverband Westfalen-Lippe 
(LWL) in der Wanderausstellung "Die Ferne im Blick". In der 
Ausstellung, die neben 100 Fotos auch historische Kameras, 
persönliche Dokumente und einen Glasbildprojektor aus der 
Zeit um 1900 zeigt, nimmt der Betrachter die sehr 
unterschiedlichen Perspektiven der Fotografen ein, die mal 
private, mal berufliche oder religiöse Interessen verfolgen.
So wird deutlich, wie sich die Deutschen in der fremden 
Gesellschaft selbst inszeniert haben.

"Die Bilder, die Kolonialbeamte, Reisende, Missionare, Lehrer 
und Kaufleute gemacht haben, lassen die sehr unterschiedliche
Sicht auf eine fremde Welt erkennen: Die Nähe oder Distanz 
der Fotografen zur einheimischen Bevölkerung wird in den
Fotos ebenso deutlich wie ihre Selbstdarstellung. 

Während sich beispielsweise Plantagenadministratoren mit 
Statussymbolen wie Häusern und Autos umgaben, um sich 
von der einheimischen Bevölkerung abzusetzen, nutzten die 
Missionare die Bilder, um Leser in der Heimat über ihre Arbeit 
zu informieren und so um Spenden zu werben", erklärt Dr. Günter 
Bernhardt vom LWL-Museumsamt.

So erzählt die Ausstellung die Einzelschicksale von drei Menschen, 
die es aus ganz unterschiedlichen Gründen nach Asien verschlug:
Der preußische Geografielehrer Martin Müller ging 1908 für drei 
Jahre nach Shanghai und erkundete von dort aus bei Reisen 
Ostchina, Korea und Japan, um die fremde Kultur kennen zu
lernen. Hermann Stilcke, Schiffsmaschinist bei der Reichsmarine, 
reiste weniger freiwillig an Bord des Kanonenbootes "Iltis II" 1911 
an die Küsten Chinas. Seine Bilder sind die eines Touristen, der 
die Sehenwürdigkeiten der kolonialen Gesellschaft besucht. Wilhelm 
Dorn kommt dagegen erstmals 1950 in einem Aussiedlerlager bei 
Siegen nach Deutschland. Der Lebenslauf des in Russland geborenen 
Geschäftsmannes und Abenteurers, der von 1915 bis 1950 in 
verschiedenen Orten Zentral- und Ostchinas lebte, ist eine frühe 
Globalisierungsgeschichte.  

Von diesen schon sehr unterschiedlichen Perspektiven unterscheiden 
sich die Fotos der Lemgoer Johannes und Ernst Neubourt, die 1885 
und 1892 nach Niederländisch-Indien auswanderten und auf Sumatra 
als Plantagenadministratoren für niederländische Kompanien arbeiteten.
"Ihr Leben, ihre Reisen und ihre Arbeit ist in besonders vielen und 
herausragenden Bildern überliefert. 

Diese Bilder zeigen sie in den Dörfern der dort lebenden Batak, bei der
Jagd aber auch in ihren großzügigen Häusern. Ihre besondere Stellung 
untermauern sie durch ihre Kleidung und durch Luxusgegenstände, mit 
denen sie sich fotografieren lassen. Die gesellschaftliche Hierarchie wird
zum Beispiel bei Fotos im Auto deutlich: Während die Administratoren im 
Auto sitzen, dürfen die Einheimischen bestenfalls in der Nähe des Kühlers 
stehen", so Bernhardt.

Ähnliche Inhalte haben Bilder auf Glasdiapositven, deren Urheber 
unbekannt ist, die aber der reichsdeutschen Kolonialpropaganda 
zuzuordnen sind und die offensichtlich im afrikanischen Kamerun
entstanden sind. Sie zielen auf heimische Betrachter, indem sie die 
Kolonialen Machtstrukturen unterstreichen. "Die Bilder legen die 
eigentlichen Ziele kolonialer Expansion offen: die Eroberung des 
Raumes, die wirtschaftliche Exploration, die Überprägung heimischer 
Strukturen. Dazu benutzen sie Motive wie die Jagd, die Plantagen 
und die koloniale Architektur", erläutert Bernhardt.

Auch die Fotos der Missionare richteten sich häufig an Betrachter in 
der Heimat. Sie lösten kunstvolle und stilisierte Stiche von Landschaften 
und Menschen ab, die bis zur Jahrhundertwende die Missions-
zeitschriften illustriert hatten. Die Fotos sollten ein vermeintlich 
wirkliches Bild zeigen. "Manche dieser Fotos waren aber eh 
Inszenierung und spiegelten so nur eine utopische Illusion wider, 
die mit dem tatsächlichen Begebenheiten vor Ort wenig gemein hatte", 
so Bernhardt.

Diese Details erschließen sich dem Betrachter nicht immer auf den 
ersten Blick, deshalb beschreibt und kommentiert die Ausstellung die 
Fotos ausführlich. Noch ausführlicher machen das die Aufsätze im 
gleichnamigen Begleitbuch zur Ausstellung, das über 150 Abbildungen 
enthält. Es ist für 24 Euro an der Museumskasse oder direkt beim 
LWL-Museumsamt (wma.info at lwl.org) erhältlich.


INFO

Die Ferne im Blick
Westfälisch-lippische Sammlungen zur Fotografie aus Mission und Kolonien
Eine Wanderausstellung des LWL-Museumsamtes
Museum Forum der Völker - Völkerkundemuseum der Franziskaner
Melsterstr. 15 in 59457 Werl
21.September bis 19.November.2006
geöffnet: dienstags - freitags 10 bis 12 Uhr und 14 bis 17 Uhr
samstags und sonntags 14 bis 17 Uhr
feiertags geschlossen

Weitere Ausstellungsstationen:
Museum der Stadt Bad Berleburg			23. November 2006 bis 21. Januar 2007 
Stadtmuseum Brakel					28. Januar bis 25. März 2007
Kolvenburg in Billerbeck				1. April bis 27. Mai 2007
Museum Hexenbürgermeisterhaus in Lemgo	                3. Juni bis 29. Juli 2007
Mindener Museum					4. August bis 30. September  2007
Stadtmuseum Bergkamen				7. Oktober bis 25. November 2007
Hermann-Grochtmann-Museum in Datteln		2. Dezember 2007 bis 27. Januar 2008