[WestG] [AKT] Sensationelle Neufunde in der Blaetterhoehle

Alexander Schmidt Alexander.Schmidt at lwl.org
Mi Nov 15 11:34:30 CET 2006


Von: "Ralf Blank" <info at historisches-centrum.de>
Datum: 10.11.2006, 07:17 


AKTUELL

Sensationelle Neufunde in der Blätterhoehle

Zu den bislang bekannten bedeutenden Funden aus der Blätterhöhle in
Hagen-
Holthausen sind weitere wichtige Entdeckungen hinzugekommen. Die
bekannte
Fundstelle, aus der die Skelettreste des auf 10 700 Jahre vor heute
datierten
"älteste Westfalen" stammen, wie die bislang ältesten Nachweise für
anatomisch
moderne Menschen im Ruhrgebiet und in Westfalen genannt werden, wurde
durch den
Arbeitskreis Kluterthöhle e.V., einer ehrenamtlich tätigen Gruppe von
Höhlenforschern, entdeckt. Im Auftrag der Stadt Hagen wurde im Frühjahr
2004 das
Höhlensystem auf der Suche nach Grundwasser untersucht. Mittlerweile
zählt die
Blätterhöhle über Deutschlands Grenzen hinaus zu den wichtigsten
archäologischen
Fundplätzen.

Im Frühjahr 2006 ist unter der Leitung von Privatdozent Dr. Jörg
Orschiedt vom
Historischen Centrum Hagen eine erste vierwöchige archäologischen
Untersuchung
in der Höhle erfolgt. Unterstützt wurden die Arbeiten durch die
Archäologen Dr.
Birgit Gehlen und Jan Kegler M.A. von der Universität Köln. Durch die
sehr
beengten Raumverhältnisse ist die wissenschaftliche Ausgrabung und
Dokumentation
nur mühsam durchführbar. Ziel der Arbeiten war die Untersuchung des,
durch den
Arbeitskreis Kluterthöhle e.V. freigelegten Erdreiches. Dabei stand die
Frage
nach einer möglicherweise vorhandenen Schichtenfolge im Vordergrund. An
zwei
zentralen Stellen im mittleren Gangabschnitt der Höhle wurden
Profilschnitte
angelegt.

Das Ergebnis dieser Untersuchung zeigt, dass sich die bislang
freigelegten
Schichten nicht mehr in ihrem ursprünglichen Ablagerungszustand
befinden. Grund
für die Verlagerung der Schichten und damit auch der darin enthaltenen
Funde
sind Aktivitäten von Tieren wie Dachsen, die in der Höhle zahlreiche
Bauten
angelegt haben. Lediglich im untersten Bereich war ungestörtes Sediment
zu
erkennen.

Unterhalb der jetzigen Oberfläche des Höhlenbodens liegen
wahrscheinlich
weitgehend ungestörte Schichten vor.
Der Höhlenraum war zumindest während der Mittelsteinzeit wesentlich
größer als
er derzeit erscheint. Dies lässt sich damit begründen, dass an keiner
Stelle
innerhalb der Höhle im Bodenbereich der gewachsene Fels erreicht wurde
und sich
die Höhlenwände auf Höhe des Bodens deutlich verbreitern.
Möglicherweise handelt
es sich bei dem bisher erschlossenen Höhleninneren um den Deckenbereich
einer
größeren Höhle, deren Eingangsbereich und Innenraum von einem
mächtigen
Sedimentkegel verschlossen bzw. angefüllt ist.

Da das bereits geborgene Fundmaterial Hinweise auf einen Lagerplatz
gab, der
sich vor der Höhle befunden haben musste, wurde im August 2006 im
Bereich des
Höhlenvorplatzes ebenfalls mit einer archäologischen Untersuchung
begonnen. Das
Ziel dieser Ausgrabung, die in diesem Jahr erst auf einer relativ
kleinen Fläche
durchgeführt wurde, war die Suche nach möglichen archäologischen
Fundschichten.
Vor Beginn der archäologischen Untersuchungen wurde der Vorplatz der
Blätterhöhle dankenswerter Weise von Mitarbeitern des Amtes für
Geoinformation
der Stadt Hagen nach modernsten Verfahren genau vermessen.

Auch diese Grabungen gestalteten sich zunächst schwierig, denn unter
dem Humus
wurde eine sehr dichte und teilweise mit großen Blöcken durchsetzte
Schuttschicht freigelegt. Während des Abgrabens der Schuttschicht
wurde
deutlich, dass die Felswand direkt unterhalb der Bodenoberfläche vor
Beginn der
Grabungsarbeiten deutlich nach hinten zurückweicht. Der Blockschutt ist
daher
auf das Abbrechen eines überhängenden Felsdaches zurückzuführen.

Unmittelbar unterhalb der Versturzschicht wurden zahlreiche
archäologische Funde
entdeckt. Darunter befinden sich Steinartefakte, Tierknochen und
Holzkohle sowie
- einer der bedeutendsten Funde - das Fragment eines menschlichen
Schädeldaches.
Zudem konnte anhand einer dunklen Verfärbung und der Konzentration von
Holzkohlen, verbrannten Knochen und Brandlehm eine Feuerstelle
freigelegt
werden. Durch zwei charakteristische Steinwerkzeuge, so genannte
Mikrolithen,
die als Waffenprojektile benutzt wurden, lässt sich die Fundschicht -
vorbehaltlich der Ergebnisse einer naturwissenschaftlichen Datierung -
der
Mittelsteinzeit zurechnen.

Damit ist die prähistorische Nutzung des Vorplatzes der Blätterhöhle
eindeutig
bewiesen. Mehr noch - es handelt sich um die ersten Grabungsbefunde aus
der
frühen Mittelsteinzeit im südlichen Westfalen, die nach modernen
wissenschaftlichen Methoden geborgen wurden. Eine wesentliche
Erkenntnis ist die
Tatsache, dass das heutige Aussehen des Einganges der Blätterhöhle und
der
Umgebung nicht dem Zustand in der Mittelsteinzeit entspricht. Der
Höhleneingang
war mit Sicherheit größer und besaß ein Felsdach, das vermutlich noch
während
der Mittelsteinzeit zusammenstürzte.

Dass der Vorplatz der Blätterhöhle nicht nur zur Mittelsteinzeit
genutzt wurde,
darauf deutet das Ergebnis einer Bohrung hin. In einem Meter Tiefe
unter der
bislang freigelegten Oberfläche wurde Holzkohle geborgen, die auf
menschliche
Aktivitäten an dieser Stelle hindeuten kann, die vielleicht noch bis in
die
Eiszeit zurückreichen. Die wichtigen und neuen Erkenntnisse der
archäologischen
Ausgrabung in und im Bereich der Blätterhöhle wurden in dieser Form
erst durch
eine großzügige Spende an Sachmitteln durch die Hagener Firma Europart
möglich
gemacht.

Während der Ausgrabungsarbeiten erfolgte auch eine genaue Untersuchung
der im
Jahre 2004 aus dem Kriechgang der Blätterhöhe geborgenen Sedimente.
Dabei wurden
zahlreiche Steinwerkzeuge aus Feuerstein, Kieselschiefer und Quarzit,
darunter
auch für die Mittelsteinzeit typische Geräte, Menschen- und Tierknochen
sowie
eine Anzahl von wohl jungsteinzeitliche Keramikscherben entdeckt.
Die archäologischen Grabungen auf dem Vorplatz der Blätterhöhle und im
Inneren
der Höhle werden 2007 fortgesetzt. Die Auswertung des bislang
geborgenen
Fundmaterials wird in den kommenden Monaten laufend durchgeführt.

Eine erste wissenschaftliche Veröffentlichung, die den Stand der
Untersuchungen
vor Beginn der Grabung in diesem Jahr darstellt, befindet sich derzeit
im Druck.
Eine weitere Veröffentlichung wird nach Abschluss einer ersten
Auswertung des
bislang geborgenen Fundmaterials zum Jahresende abgeschlossen und
voraussichtlich im Frühjahr 2007 vorliegen.


INFO

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