[WestG] [AKT] Vortrag: Westfalen in der Neuen Welt. 12.07.2006, Bocholt
Alexander Schmidt
Alexander.Schmidt at lwl.org
Mon Jul 3 11:24:42 CEST 2006
Von: "Thomas Ridder" <ridder at jmw-dorsten.de>
Datum: 29.06.2006, 10:41
AKTUELL
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des westlichen Münsterlandes e.V.
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Mittwoch, 12. Juli 2006
Vortrag Prof. Dr. Walter D. Kamphoefner, Texas A&M University:
Westfalen in der Neuen Welt.
Eine Sozialgeschichte der Auswanderung im 19. Jahrhundert
Ort: Bocholt, Altes Rathaus, 19:30 h
Eine Kooperationsveranstaltung mit dem Stadtarchiv Bocholt und der
Stadtsparkasse Bocholt
Stichworte wie Migration und Integration sind zur Zeit in aller Munde.
Ist
Deutschland nun ein Einwanderungsland oder nicht? Bis zum Beginn des
20. Jahrhunderts waren viele Deutsche, darunter auch Westfalen bzw.
Münsterländer selbst Emigranten. Wirtschaftliche Not und fehlende
berufliche Perspektiven trieben sie in die Auswanderung. Ein wichtiges
Ziel
waren die Vereinigten Staaten von Amerika.
In seinen Forschungsarbeiten untersucht der Migrationsforscher Prof.
Dr.
Walter Kamphoefner seit Jahren die Motive, die viele zur Auswanderung
trieb,
das soziale Gefüge aus dem das Gros der Auswanderer stammte,
hinterfragt,
mit welchen Plänen sie nach Amerika kamen und ob die Integration in die
Gastgesellschaft gelang.
Prof. Kamphoefner legt sein Augenmerk vor allem auf die in der
Emigrations-
forschung lange vernachlässigte Auswanderung aus Nordwestdeutschland.
Im Gegensatz zum Süden Deutschlands, wo die Erbschaftsteilung zu immer
kleineren landwirtschaftlichen Besitztümern führte und diese den
Menschen
schließlich keine Existenzmöglichkeiten mehr boten, sind die Gründe für
die
Emigration im Nordwesten mehr mit der industriellen Entwicklung
verknüpft.
Die ländliche, arbeitsintensive Leinenwarenproduktion hatte zu einem
Bevölkerungswachstum geführt, das schließlich einen Bevölkerungsdruck
verursachte. Als die Leinenindustrie im Wettbewerb mit ausländischen
Waren
und der Maschinenproduktion zusammenbrach, kam es zur Massenemigration.
Dort, wo man erfolgreich den Übergang zur modernen Industrie schaffte,
verzeichnete man die niedrigste Auswanderungsrate, während rein
landwirtschaftliche Gebiete in der Mitte lagen.
Die Masse der Emigranten aus Nordwestdeutschland bestand aus
besitzlosen
Heuerleuten und Landarbeitern, aus der Gruppe von Menschen, die beim
Niedergang der Leinenwarenindustrie am schwersten betroffen waren. Eng
verknüpft mit ihrer wirtschaftlichen Not war ihre politische Ohnmacht,
so dass
sie mit leeren Händen dastanden, als der dörfliche Gemeinbesitz in
private
Grundstücke aufgeteilt wurde.
Obwohl solch übergreifende ökonomische Kräfte die Auswanderung
vorprägten,
entschieden persönliche Bindungen des Einzelnen oft über das Ziel eines
Immigranten. Propagandakampagnen konnten einige wenige Pioniere an
einen
bestimmten Ort locken, doch nur wenn deren Berichte positiv ausfielen,
wurden
viele Menschen von ihnen angezogen. Grundsätzlich gilt: Je später eine
Emigrationsbewegung in einer Gegend Deutschlands einsetzte, desto
weiter
westlich ließen sich die Wanderer in Amerika nieder. Die Städte waren
für viele
Immigranten nur vorübergehende Haltepunkte. Hier wollten sie Geld zum
Landerwerb verdienten.
Diese Studie konzentriert sich auf zwei Counties in Missouri, in denen
fast drei
Viertel der Immigranten in Deutschland einem Gebiet entstammte, das
einen Radius
von weniger als 50 Kilometer umfasst. Es gibt eine Anzahl von
Beispielen, in denen
ganze Dörfer buchstäblich verpflanzt wurden. Erwartungsgemäß
distanzierten sich
solche Einwanderer von den Amerikanern, lebten und heirateten unter
sich und
hatten wenig Kontakt mit anglo-amerikanischen Konfessionen oder der
Sklaverei.
Das Ausmaß der tatsächlichen Anpassung hing oft von der
Schichtzugehörigkeit
der Einwanderer ab, wobei die Angehörigen höherer Schichten in
Deutschland
schneller und bereitwilliger in die amerikanische Gesellschaft
eingegliedert wurden.
Mit seiner Untersuchung der Wanderungswege von fast 150 Familien aus
Deutschland nach Missouri konnte Prof. Kamphoefner die Faktoren
ermitteln, die
den Erfolg der Immigranten in Amerika beeinflussten.
Die Erfahrungen der Westfalen in Missouri bestätigen im allgemeinen,
was der
Herausgeber des "Hermanner Wochenblattes" im Jahre 1845 etwas
selbstherrlich,
im Grunde jedoch zutreffend beobachtet hatte:
"Durch unser Fleis und durch unser Ausdauer haben wir unsere teutsche
Ansiedlung
erhalten und uns eine freundliche Heimat gegründet, in der wir schöner
die alte
wiederfanden, die wir nicht ohne innere Bewegung verließen."
Professor Dr. Walter Kamphoefner ist Director of Graduate Studies an
der Texas
A&M-University. In den Jahren 1975 und 1976 studierte Kamphoefner, der
selbst
Wurzeln in Westerkappeln und Melle hat, an der Westfälischen
Wilhelms-Universität
in Münster. Prof. Kamphoefner hat eine Fülle von Büchern und Aufsätzen
zur
Emigration Deutscher in die USA verfasst.
INFO
Veranstaltungsdaten:
Vortrag Prof. Dr. Walter D. Kamphoefner, Texas A&M University:
Westfalen in der Neuen Welt.
Eine Sozialgeschichte der Auswanderung im 19. Jahrhundert
Ort: Bocholt, Altes Rathaus
Datum: 12. Juli 2006, 19:30 Uhr
Gesellschaft für historische Landeskunde des westlichen Münsterlandes
e.V.
Kontakt:
Dr. Tim Sodmann
Landeskundliches Institut Westmünsterland
Gasthausstraße 15
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Tel.: 02564-391824
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