[WestG] [AKT] Juedisches Kulturerbe gut erforscht: Land und LWL schließen Dokumentationsprojekt ab

Alexander Schmidt Alexander.Schmidt at lwl.org
Fre Nov 18 12:33:28 CET 2005


Von: "LWL-Pressestelle" <presse at lwl.org>
Datum: 16.11.2005, 14:56


AKTUELL

Jüdisches Kulturerbe gut erforscht:
Land und LWL schließen Dokumentationsprojekt ab

Nordrhein-Westfalen hat bei der Erforschung des jüdischen Kulturerbes 
deutschlandweit eine Vorreiterrolle übernommen: Der Landschaftsverband
Westfalen-Lippe (LWL) hat im Auftrag des NRW-Ministeriums für Bauen und 
Verkehr den fünften Band der Dokumentation "Jüdisches Kulturerbe in 
Nordrhein-Westfalen" herausgegeben. "Nur in Nordrhein-Westfalen weiß man
jetzt so detailliert über das jüdische Kulturerbe in Stadt und Land Bescheid", 
sagte Bau- und Verkehrsminister Oliver Wittke heute (16.11.) in Siegen bei 
der Vorstellung des Abschlussbandes über den Regierungsbezirk Arnsberg. 
"Ich würde es natürlich begrüßen, wenn weitere Bundesländer dieses Projekt 
als Pilotprojekt betrachten und dem Beispiel folgen würden", erwiderte der
Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Paul Spiegel.

Auf 770 Seiten stellt Autorin Dr. Elfi Pracht-Jörns den einstigen Reichtum der
jüdischen Kultur vor. Neben 66 Synagogen und 102 Friedhöfen hat sie 
tausende Wohn- und Geschäftshäuser, Schulgebäude, Sozialeinrichtungen 
und Ritualgegenstände aufgelistet, die heute nur zu einem kleinen Teil erhalten 
sind. Das eine Million Euro teure Gesamtprojekt begann bereits 1993. Das 
fünfbändige Werk umfasst 3.300 Seiten und beschreibt unter anderem 337 
Synagogen und 474 jüdische Friedhöfe.

"Die Juden haben als Deutsche unter Deutschen immer wieder Staat und 
Gesellschaft in vielen Bereichen mitgeprägt und bereichert. Von ihnen sind
zahllose politische, wirtschaftliche, soziale, wissenschaftliche und kulturelle 
Impulse ausgegangen. Ihr kulturelles Erbe ist zugleich auch ein unverzichtbares 
Stück deutscher Kultur", stellte Wittke fest.

"Der größte Teil der materiellen Zeugnisse jüdischer Kultur wurde zur Zeit der 
nationalsozialistischen Herrschaft als Auftakt zum Völkermord vernichtet. 
Nur Weniges hat die Barbarei der NS-Zeit, die Kriegseinwirkungen und auch
die Achtlosigkeit der Wiederaufbauzeit überstanden. Auch diese traurige Bilanz 
und die Begleitumstände des Untergangs dokumentiert das Buch", sagte 
Prof. Dr. Eberhard Grunsky, Chefdenkmalpfleger des LWL und Herausgeber 
der drei westfälischen Bände.

Spiegel unterstrich die Schwierigkeit, heute ein umfassendes Bild des jüdischen 
Kulturerbes zu zeichnen: "Die Archive der jüdischen Gemeinden wurden zum 
großen Teil beschlagnahmt und vernichtet. Trotz dieser erschwerten Arbeit 
ist es beeindruckend gelungen, eine flächendeckende und vor allem detaillierte 
Dokumentation vorzulegen, auch wenn sich manche Lücken bedauerlicherweise 
nur schwer schließen lassen." Die Dokumentation ende nicht 1945, sondern 
schildere eindruckvoll, dass sich die Tradition der Zweckentfremdung von 
jüdischen Kulturgütern auch noch nach dem Krieg fortgesetzt habe. So 
erfahre man beispielsweise, dass die Synagoge im Arnsberger Ortsteil Neheim 
zu einem Lager für russische Zwangsarbeiter umfunktioniert und nach 1959 
als Lagerraum genutzt worden und so weiter verkommen sei. 

Die Wichtigste der weit verstreuten Quellen war für Pracht-Jörns das 1905 ins
Leben gerufene "Gesamtarchiv der deutschen Juden", das sich heute im Archiv 
der Stiftung "Neue Synagoge Berlin - Centrum Judaicum" befindet. "Die 
überlieferten Dokumente über Synagogenbauten und Begräbnisplätze bereichern 
unsere Kenntnisse über die jüdische Sachkultur außerordentlich, bieten sie doch 
eine seltene und intensive Binnenansicht jüdischen Gemeindelebens", ordnet die 
Autorin die Bedeutung der zusammengetragenen Akten ein. Sie fanden sich unter 
anderem in Bochum, Dortmund, Hagen, Hohenlimburg (Hagen), Hamm, 
Niedermarsberg (Hochsauerlandkreis) und Soest. Unterstützung erhielt 
Pracht-Jörns bei ihrer Arbeit von den Denkmalpflegern des LWL, die auch die 
meisten der verwendeten Fotos zur Verfügung gestellt haben.

Als älteste jüdische Gemeinde in Westfalen gilt Dortmund, wo bereits um 1200 Juden
gelebt haben. Die Gemeinde verfügte über eine Synagoge, einen Begräbnisplatz 
und über eine Mikwe (Ritualbad). Weitere mittelalterliche Gemeinden gab es in 
Bochum, Hamm, Iserlohn (Märkischer Kreis), Kamen (Kreis Unna), Lippstadt, Rüthen 
(beide Kreis Soest), Siegen, Soest und Unna. Monumente aus dieser Zeit haben sich 
aber kaum erhalten. So gilt der Friedhof in Rüthen, der 1625 erstmals erwähnt 
wurde, als der älteste jüdische Friedhof in Westfalen. Den Friedhof in Obermarsberg 
(Hochsauerlandkreis) hebt Grunsky hervor, weil er sich durch eine große 
Formenvielfalt seiner Grabsteine auszeichnet. Das Buch führt die Leser auch in die 
Synagoge von Neheim-Hüsten (Hochsauerlandkreis), die wegen ihrer reichen 
Ausmalung als schönste Kleinstadtsynagoge gilt, oder zum Fachwerkbethaus in 
Padberg (Hochsauerlandkreis) das noch in den 1990er Jahren fast Opfer einer 
Brandstiftung geworden wäre.

Beträume in Privathäusern, die für kleinere Gemeinden die einzige Möglichkeit war, 
Gottesdienste zu feiern, sind kaum erhalten. Deshalb schreiben die Denkmalpfleger 
dem Haus, das früher der Metzgerfamilie Meyer in Kreuztal-Littfeld (Kreis 
Siegen-Wittgenstein) gehörte, besondere Bedeutung zu. Denn hier ist im 
Obergeschoss der Raum erhalten, in dem die kleine jüdische Gemeinschaft Gottesdienst 
feierte.
 
Pracht-Jörns berichtet nicht nur von Zerstörung und Verlust: In den letzten zehn 
bis 15 Jahren habe es viele Bemühungen zum Erhalt von Synagogen gegeben, die 
häufig von Einzelnen oder kleinen Gruppen engagierter Freunde der Denkmäler 
angestoßen worden seien. Dabei habe es sich durchgesetzt, die Spuren der 
Verwüstung in der Pogromnacht im November 1938 oder späterer Vernachlässigung 
nicht restlos zu tilgen, sondern das Fragmentarische der Synagogen als Zeugnis der 
Judenverfolgung und späterer Gleichgültigkeit zu bewahren.