[WestG] [AKT] Kundgebung zum Gedenken an die Pogrome des 9./10.11.1938, Gelsenkirchen, 09.11.2005
Alexander Schmidt
Alexander.Schmidt at lwl.org
Don Nov 3 13:00:39 CET 2005
Von: "Stefan Goch", <Stefan.Goch at gelsenkirchen.de>
Datum: 03.11.2005, 07:56
Übernahme aus der Mailingliste "Geschichtskultur-ruhr"
AKTUELL
Prof. Dr. Hans Mommsen spricht am 9. November in Gelsenkirchen
Seit 1964 erinnert man in Gelsenkirchen alljährlich an die Ereignisse
der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, die von den
Nationalsozialisten zynisch "Reichskristallnacht" genannt wurde.
In diesem Jahr ruft die "Demokratische Initiative gegen Diskriminierung
und Gewalt, für Menschenrechte und Demokratie - Gelsenkirchen"
alle Bürgerinnen und Bürger Gelsenkirchens auf, jeder Form von
Extremismus, Fremdenfeindlichkeit und Gewalt entgegenzutreten.
"Wachsamkeit, Nachbarschaftshilfe, Mut, Zivilcourage und Engagement
im Alltag finden unsere Unterstützung", heißt es in dem Aufruf. Mit
der Teilnahme an Demonstration und Kundgebung soll Stellung gegen
Fremdenfeindlichkeit, Gewalt und Hass bezogen werden. So soll in
Gelsenkirchen deutlich werden: Fremdenfeindlichkeit, Gewalt und
Hass in Gelsenkirchen - Mit uns nicht!
Die Demonstration und Kundgebung zum Gedenken an die Pogrome in
der so genannten Reichskristallnacht beginnt am Mittwoch,
9. November 2005, 18.30 Uhr, auf dem Heinrich-König-Platz.
Anschließend führt ein Schweigezug durch die Gelsenkirchener
Innenstadt zum ehemaligen Güterbahnhof, Wickingstraße/
Wilhelm-Busch-Straße.
Um 19.15 Uhr wird Oberbürgermeister: Frank Baranowski die Teilnehmer
begrüßen.
Anschließend wird Prof. Dr. Hans Mommsen, einer der profiliertesten
Historiker der Bundesrepublik Deutschland an die Ereignisse erinnern.
In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 organisierten die
Nationalsozialisten ein Pogrom gegen die noch in Deutschland lebenden
jüdischen Menschen, das zynisch "Reichskristallnacht" genannt wurde.
Menschen wurden misshandelt und getötet. Bei diesem Pogrom wurden
in ganz Deutschland die Synagogen in Brand gesteckt und noch bestehende
Geschäfte jüdischer Bürgerinnen und Bürger zerstört. Auch in
Gelsenkirchen wurden die Synagogen in Gelsenkirchen und Buer in Brand
gesetzt. Der jüdische Teil des alten Friedhofs an der Mühlenstraße in Buer
wurde zerstört. Zahlreiche Geschäfte an den Einkaufsstraßen der Stadt
wurden für jeden sichtbar verwüstet, Menschen wurden gequält, ihr Hab
und Gut vernichtet, viele wurden inhaftiert.
Diese Verbrechen der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, die sich
zum 67. Male jähren, waren ein neuer Höhepunkt des von breiten
Bevölkerungskreisen getragenen Antisemitismus und des staatlich
legitimierten Terrors gegen die jüdische Bevölkerungsgruppe - nach
Boykotten, tagtäglicher Diskriminierung, Nürnberger Rassegesetzen,
fortschreitender Ausplünderung durch so genannte Arisierungen und
anderem.
Die rassistische Politik endete mit der Ermordung von etwa 6 Millionen
Jüdinnen und Juden in Europa. Auch der überwiegende Teil der in
Gelsenkirchen oft sehr lange ansässigen jüdischen Bürgerinnen und
Bürger konnte sich nicht vor den Nationalsozialisten und ihren zahlreichen
Helfern retten. Mehr als die Hälfte der 1933 in Gelsenkirchen lebenden
jüdischen Männer, Frauen und Kinder wurden während des "Dritten
Reiches" ermordet. Diskriminierung, Entrechtung und Misshandlung
sowie schließlich die Deportationen aus Gelsenkirchen fanden in aller
Öffentlichkeit und für zahlreiche Gelsenkirchener sichtbar statt. Etliche
profitierten von der Verfolgung und Ermordung der Juden in Deutschland.
An diesen Verbrechen waren viele Menschen beteiligt, noch mehr wussten
oder ahnten zumindest, was geschah.
Auch die Deportationen jüdischer Menschen aus Gelsenkirchen fanden in
aller Öffentlichkeit statt. Nach den heute vorliegenden Informationen
wurden 617 Personen aus der Stadt Gelsenkirchen "nach Osten evakuiert",
wie man zynisch formulierte. Am 27. Januar 1942 wurden 355
Gelsenkirchener Juden vom Gelsenkirchener Güterbahnhof in das Ghetto
Riga deportiert, nachdem sie zuvor unter Aller Augen auf dem
Wildenbruchplatz zusammengetrieben worden waren. Weitere größere
Deportationen folgten am 31. März 1942 nach Warschau und am
27. Juli 1942 nach Theresienstadt. Es folgten noch kleinere Transporte
bis zur Deportation der letzten in Gelsenkirchen verbliebenen so genannten
Mischehepartner und Mischlinge in ein Arbeitslager bei Kassel am
19. September 1944. Die weitaus meisten Deportierten wurden ermordet.
Mit dem Besuch des alten Güterbahnhofs - dem letzten Ort, den die meisten
der deportierten jüdischen Männer, Frauen und Kinder von ihrer Heimatstadt
Gelsenkirchen sahen - will die Demokratische Initiative in diesem Jahr an die
Verfolgung und Ermordung der Juden erinnern.
Hans Mommsen, Jg. 1930, em. Prof. für Neuere Geschichte an der
Ruhr-Universität in Bochum, veröffentlichte zahlreiche Bücher und Aufsätze
zur Geschichte der Arbeiterbewegung, des deutschen Widerstandes, der
Weimarer Republik und des Nationalsozialismus u.v.m. Er prägte nicht nur
die Theoriebildung in der deutschen Zeitgeschichtsforschung, sondern greift
immer wieder in aktuelle politische und zeithistorische Debatten der Gegenwart
ein.
INFO
Dr. Stefan Goch
Institut für Stadtgeschichte
Wissenschaftspark
Munscheidstraße 14
D-45886 Gelsenkirchen
Tel. +49-(0)209-169-8555
Fax +49-(0)209-169-8553
mail: stefan.goch at gelsenkirchen.de