[WestG] [AKT] Freilichtmuseum Detmold: Stefan Baumeier verabschiedet
Dr. Marcus Weidner
mw at jmr-weidner.de
Die Nov 1 12:55:03 CET 2005
Von: "LWL-Pressestelle" <presse at lwl.org>
Datum: 31.10.2005, 14:50
AKTUELL
Stefan Baumeier, Direktor des Westfälischen Freilichtmuseums Detmold,
geht nach 35 Jahren in den Ruhestand
Der 31. Oktober hat für das Westfälische Freilichtmuseum Detmold gleich
dreifach eine besondere Bedeutung: An diesem Tag endet nicht nur die
Saison im Museum des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL), es geht
auch eine Ära zu Ende: LWL-Direktor Wolfgang Schäfer verabschiedet nach
35 Jahren Museumsleiter Prof. Dr. Stefan Baumeier in den Ruhestand, der
an diesem Tag 65 Jahre alt wird.
"Prof. Baumeier hat das kulturelle Leben in Westfalen entscheidend
mitgeprägt - seine großen Verdienste auf den Gebieten der
Sachvolkskunde, der Hausforschung und der Museumskunde haben ihn zu
einem angesehenen Fachmann weit über Deutschlands Grenzen hinaus
gemacht", lobte Schäfer den scheidenden Museumsdirektor beim Festakt in
der neuen Museumsgaststätte "Im weißen Ross".
Grundlage für den Erfolg als Museumsleiter war das Studium der Deutschen
und Vergleichenden Volkskunde mit den Nebenfächern Kunstgeschichte,
Archäologie und Historische Hilfswissenschaften an den Universitäten
Münster und Wien. Die Hausforschung wurde schnell zum Schwerpunkt seiner
Studien und führte Baumeier schließlich zu der Promotion über "Das
Bürgerhaus in Warendorf".
Unmittelbar daran anschließend begann seine berufliche Laufbahn als
wissenschaftlicher Referent unter Prof. Dr. Josef Schepers, dem
Gründungsdirektor des Westfälischen Freilichtmuseums in Detmold, dessen
Nachfolger Baumeier im Oktober 1976 wurde. "In den vergangenen drei
Jahrzehnten hat Baumeier die Entwicklung des Museums vorangetrieben, und
mit dieser auch beispielgebend die Entwicklung der Freilichtmuseen über
Deutschlands Grenzen hinaus", so Schäfer.
"Unter seinen Leistungen sind besonders die Forschungsarbeiten auf den
Gebieten der Hausforschung und Sachkulturforschung hervorzuheben: Von
besonderer Wirkung war die Einführung wissenschaftlicher Untersuchungs-
und Dokumentationsstandards in das Detmolder Freilichtmuseum, die für
viele andere Freilichtmuseen und für die Hausforschung allgemein zum
Maßstab wurden. Ebenso vorbildlich ist auch die strenge
Wissenschaftlichkeit, mit der das Museum seine Ausstellungsstücke
präsentiert, die im europäischen Kontext bekannt und nahezu
sprichwörtlich geworden ist", betonte Schäfer.
Baumeier führte im Detmolder Freilichtmuseum des LWL schon früh neue
Untersuchungsmethoden in die Hausforschung ein. Dazu gehören die
Dendrochronologie (Methode zur Altersbestimmung von Holz), die
Archivforschung, die Mittelalterarchäologie und restauratorische
Untersuchungen sowie breit angelegte Grundlagenforschungen. Seit 1977
sind unter seiner Leitung mehr als 50 verschiedene Forschungsprojekte
durchgeführt worden.
Die Forschungsergebnisse hat Baumeier beim Aufbau des Freilichtmuseums
direkt angewendet. Seit 1976 sind über 80 historische Gebäude in Detmold
wieder aufgebaut worden. Auf seine Fahnen kann sich der scheidende
Museumsdirektor auch dabei die Einführung neuer Methoden schreiben:
Wurden früher die historischen Gebäude völlig zerlegt, nutzt das Museum
inzwischen die Ganzteiltranslozierung, bei dem die Gebäude in große
Einzelteile "geschnitten" werden, um sie möglichst unversehrt mit allen
Lebensspuren ins Museum holen zu können.
Nicht nur bei den Gebäuden wurde das Museum erweitert: Der feste
Mitarbeiterstamm wuchs in den vergangenen Jahrzehnten von 17 auf 50
Museumskollegen. "Mit der Erweiterung des Westfälischen Freilichtmuseums
zum Landesmuseum für Volkskunde 1974/1975, das seitdem auch die
nichtbäuerlichen Schichten berücksichtigt, entwickelte es sich zum
bedeutendsten Institut der historischen Sachkulturforschung in
Westfalen", so Schäfer.
In Baumeiers Zeit fällt auch der rasante Fortschritt im Aufbau der
Sammlung zur Sachüberlieferung Westfalens, die mittlerweile als die
größte und bedeutendste in Norddeutschland gilt. Seit 1979 vermittelt
das LWL-Museum seine Forschungsergebnisse in mehreren Schriftenreihen,
seit 1983 auch durch jährliche Sonderausstellungen. Seine historischen
Gebäude präsentiert das Museum inzwischen auch unter neuen Aspekten: zum
Beispiel das "Haus zum Anfassen", das zum Ausprobieren einlädt oder das
künstlerisch gestaltete "Haus der Gefühle".
Die wissenschaftliche Vermittlung an den universitären Nachwuchs erfüllt
Stefan Baumeier seit 1984 durch einen Lehrauftrag für Haus- und
Wohnforschung an der Universität Münster. 1998 ist er hier zum
Honorarprofessor ernannt worden. Die Anerkennung, die Stefan Baumeier in
Fachkreisen genießt, findet auch in zahlreichen Ämtern ihren Ausdruck.
1973 bis 1979 war er Geschäftsführer des Arbeitskreises für
Hausforschung. Er ist Mitglied mehrerer Museumsbeiräte. Seit 1990 ist er
Mitglied im Fachbeirat des Instituts für den Wissenschaftlichen Film
(IWF) in Göttingen. Von 1990 bis 1995 war er Vorstandsmitglied des
Verbandes Europäischer Freilichtmuseen. Baumeiers Erfahrung auf dem
Gebiet der Sachvolkskunde ließ ihn schon früh Gutacher des
Oberlandesgerichtes in Hamm werden (bis 1984) und machte ihn 1987 zum
Juror der Westdeutschen Kunstmesse für Möbel in Köln.
"Schon als Jugendlicher hat mich die Region interessiert, ich hatte das
Glück, mit dem starken Rückhalt des Landschaftsverbandes mein Hobby im
Beruf als Museumsleiter umsetzen zu können. Daher setze ich meine
Forschungsarbeiten mit dem Dienstende natürlich nicht aus", kommentierte
Stefan Baumeier seine Verabschiedung, "als begeisterter
Kulturwissenschaftler gibt es immer ausreichend Fragen, denen man
systematisch nachgehen und zu denen man auch publizieren kann, wie zum
Beispiel die Möbelforschung."
Nachfolger Baumeiers ist der 49jährige bisherige stellvertretende
Museumsleiter Dr. Jan Carstensen.