[WestG] [AKT] Skelette der Steinzeitmenschen aus Hagen liefern ueberraschende Befunde

Marcus Weidner Marcus.Weidner at lwl.org
Mon Apr 25 09:31:44 CEST 2005


Von: "Historisches Centrum Hagen", <info at historisches-centrum.de>
Datum: 21.05.2005, 21.04


AKTUELL

Skelette der Steinzeitmenschen aus Hagen liefern überraschende Befunde

Seit Februar dieses Jahres gehört Dr. Jörg Orschiedt von der Universität
Hamburg einem Team von namhaften Wissenschaftlern aus dem In- und Ausland
an. Diese Forschergruppe untersucht die in Hagen entdeckten, überregional
bedeutenden Überreste von steinzeitlichen Menschen. Dr. Orschiedt analysiert
die zahlreichen Menschenknochen, die bisher aus der Höhle geborgen wurden
und koordiniert die weiteren Untersuchungen.

Am Freitag (22. April) stellt er im Museum für Ur- und Frühgeschichte
Wasserschloss Werdringen in Hagen die Ergebnisse seiner
osteo-archäologischen Untersuchungen der Skelettreste aus der Hagener Höhle
erstmalig vor. Zudem präsentierte er erste Skelett-Zusammensetzungen sowie
die zusammengesetzten Schädelteile der datierten Individuen

Dr. Jörg Orschiedt ist Archäologe am Archäologischen Institut der
Universität Hamburg. Sein Spezialgebiet sind Bestattungspraktiken und
Skelette von steinzeitlichen Menschen. Sie wurden in Gräbern, als Relikte
von Kulthandlungen und in religiösen Zusammenhängen entdeckt. Funde und
Befunde dieser Art waren bereits das Thema der Magister- und Doktorarbeiten
von Jörg Orschiedt.

Das Thema ließ ihn nicht mehr los: In seiner aktuellen Habilitation
beschäftigt er sich mit Bestattungen der Neandertaler und moderner Menschen
aus der mittleren und jüngeren Altsteinzeit. Weltweit zählt Orschiedt zu den
ausgewiesenen Spezialisten auf diesem Gebiet.

In seinem Forscherleben hat Orschiedt bereits viele bedeutende Funde aus
ganz Europa in seinen Händen gehalten. Im südpfälzischen Herxheim bei Landau
ist er gegenwärtig an der Untersuchung eines 7.000 Jahre alten
Bestattungsplatzes der Bandkeramischen Kultur beteiligt. Aus halb
Mitteleuropa hatten die Menschen ihre Verstorbenen zu diesem Ort gebracht.

In einem riesigen Grabensystem fanden sie ihre letzte Ruhe - die Knochen von
Hunderten von Menschen. Zum überwiegenden Teil wurden die Skelette
zerstückelt, manche Schädelteile dienten vermutlich als Trinkgefäße. Die
international Aufsehen erregenden, immer noch rätselhaften Funde aus
Herxheim geben Einblicke in die religiöse Vorstellungswelt und den Totenkult
während der frühen Jungsteinzeit.

Das bandkeramische Grabensystem bei Herxheim und die dunkle Felshöhle bei
Hagen - zwei Orte, die für Steinzeitmenschen vor Tausenden von Jahren eine
besondere Bedeutung besaßen.

Im nordrhein-westfälischen Hagen findet der Archäologe Jörg Orschiedt völlig
andere Fundsituationen und Zeitphasen als im rheinland-pfälzischen Herxheim
vor. In einem Seitental der Lenne liegen die Skelettreste im Sediment einer
engen, tief in das Felsmassiv führenden Höhle.

Dort wurden die Überreste von Menschen aus der frühen Mittelsteinzeit
entdeckt. Sie wurden vor rund 10.700 Jahren in der Höhle niedergelegt. Aber
auch Skelette aus der Jungsteinzeit vor rund 5.600 Jahren wurden im
Höhlenlehm geborgen.

Was mag die Menschen bewegt haben, im Abstand von 5.000 Jahren die Höhle zu
nutzen? Warum gerade diese Höhle und nicht andere, die leichter zugänglich
waren?


- Eine junge Frau aus der Jungsteinzeit

Die sorgfältige Untersuchung der bisher aus der Höhle geborgenen
Menschenknochen durch Dr. Jörg Orschiedt ergab wichtige und bemerkenswerte
Befunde. Er  stellte fest, dass die Knochen von bislang sieben Personen
identifiziert werden können.

Diese Personen konnten anhand von einzelnen Skelettelementen bestimmt
werden. Es handelt sich dabei um vier Unterkiefer von erwachsenen Menschen,
einem Gesichtsteil mit zugehörigem Schädelrest  einer jugendlichen Person,
einem Wadenbein eines Kindes zwischen 8 und 14 Jahren sowie einem
Unterschenkel eines Kindes zwischen drei und sechs Jahren.

Hervorzuheben ist nach Dr. Orschiedt auch der ausgezeichnete
Erhaltungszustand der Skelettreste. Unter dem Fundmaterial befindet sich
beispielsweise ein Zungenbein; der einzige und besonders zerbrechliche
Knochen, der nicht mit dem restlichen Skelett verbunden ist und deshalb nur
unter besonders günstigen Bedingungen erhalten bleibt.

Jörg Orschiedt konnte eine größere Anzahl von Knochen und einen Schädel dem
Skelett einer jungen Frau im Alter von etwa 17 bis 22 Jahren zuordnen. Es
handelt sich dabei um einen Schädelrest mit zugehörigem Gesichtsteil, Arm-
und Beinknochen, Schulter- und Beckenbereich sowie einzelne Fragmente der
Wirbelsäule und Händen und Füßen. Nach der Altersbestimmung im Leibniz-Labor
der Universität Kiel lebte sie in der Jungsteinzeit vor rund 5.600 Jahren.

Ein zweiter Schädel gehört zum Skelett eines Mannes im Alter von etwa 35
Jahren. Seine Überreste gelangten bereits in der frühen Mittelsteinzeit vor
rund 10.700 Jahren in die Höhle. Dieser Schädel konnte bislang nur zu einem
kleineren Teil ergänzt werden. Er besteht zur Zeit nur aus einem
Schädeldach. Es ist jedoch wahrscheinlich, dass die fehlenden Reste noch in
der Höhle zu finden sind.

In mühevoller Kleinarbeit konnte Dr. Orschiedt mit Unterstützung von Flora
Gröning vom Neanderthal-Museum die beiden Schädel aus mehreren Einzelstücken
wieder zusammensetzen. Für die Zukunft ist geplant, den Steinzeitmenschen
aus Hagen mittels modernster Computertechnologie ihr früheres Gesicht
wiederzugeben.

Der Erhaltungszustand von Zähnen und Unterkiefer lässt darüber hinaus
Rückschlüsse auf Ernährung, Mangelerscheinungen und Lebensalter zu. Die
Untersuchung der Langknochen soll weitere Aufschlüsse zu diesem
Themenkomplex geben.

Einige Knochen - vor allem Wirbel - zeigen Spuren von chronischen
Krankheiten, unter denen einige der Menschen gelitten haben, und zu
Lebzeiten verheilte Verletzungen. Besonders beeindruckend ist ein vollkommen
zahnloser Unterkiefer. Dieser Mensch besaß nur noch eine Kauleiste ohne
Zähne und war zweifellos auf die Pflege seiner Angehörigen angewiesen.


- Rätsel der Steinzeit

Die Funde aus der Höhle im Felsmassiv bei Hagen erscheinen noch rätselhaft.
Was suchten die Jäger und Sammler der Mittelsteinzeit in der Höhle? War die
dunkle Höhle ein Bestattungsplatz? Oder aber der Schauplatz von rituellen
Opferungen? Welcher Kulturgruppe gehörten die Jungsteinzeitleute an?

Waren es Menschen der Michelsberger Kultur? Oder gehörten sie sogar einer
Bevölkerungsgruppe an, die in anderen Regionen große Megalithgräber
hinterließen? Diese und viele andere spannende Fragen sollen die weiteren,
bereits angelaufenen wissenschaftlichen Untersuchungen klären.

Die in Hagen entdeckten 10.700 Jahre alten Skelettreste aus der frühen
Mittelsteinzeit sind bisher die frühesten Nachweise von modernen Menschen in
Westfalen und im Ruhrgebiet. Aber auch in Deutschland und in Europa fehlen
vergleichbare Funde aus dieser Zeit. In Hagen bietet sich erstmalig die
Möglichkeit, menschliche Überreste aus dieser Zeit und ihre Fundumstände
genau zu untersuchen.

Aber auch die Überreste von Menschen aus der Jungsteinzeit vor rund 5.600
Jahren sind bedeutend. Mit ihrer Fundsituation vergleichbar sind bislang nur
Skelettreste aus der Jungfernhöhle bei Tiefenellern (bei Bamberg) in der
Schwäbischen Alb. Doch diese Funde wurden in den 1930er und 1950er Jahren
entdeckt; die näheren Fundumstände sind nicht dokumentiert.

In Hagen bietet sich die einmalige Chance, solche seltenen Funde mit
modernen Methoden zu bergen und zu untersuchen. Dadurch werden Rückschlüsse
auf den Alltag und die Lebensumstände der Menschen sowie auf den Hintergrund
der Niederlegung in der Höhle gewonnen.

Die weiteren Ergebnisse der wissenschaftlichen Arbeit werden laufend
dokumentiert und sollen im Museum für Ur- und Frühgeschichte Wasserschloss
Werdringen in Hagen sukzessive in die Ausstellung integriert werden.


INFO

WWW-Homepage von Dr. Jörg Orschiedt
http://www.uni-hamburg.de/Wiss/FB/09/ArchaeoI/Vfg/orschied.htm 


Museum für Ur- und Frühgeschichte Wasserschloss Werdringen
Werdringen 1
D-58089 Hagen
02331 207 2740
http://www.museum-werdringen.de