[WestG] [AUS] Toedliche Gefahr im Ein-Mann-Bunker, WIM Dortmund, 20.06.-12.09.2004

Alexander Schmidt Alexander.Schmidt at lwl.org
Don Sep 2 12:48:14 CEST 2004


Von "LWL-Pressestelle", <presse at lwl.org>
Datum: 31.08.2004, 14:59


AUSSTELLUNG

Tödliche Gefahr im Ein-Mann-Bunker
WIM-Ausstellung zeigt zum Jubiläum "Schätze der Arbeit"

Mit einer großen Ausstellung feiert der 
Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) in diesem Jahr 
das 25-jährige Bestehen des Westfälischen 
Industriemuseums (WIM). Mehr als 250.000 Objekte hat 
das Museum in dieser Zeit zusammengetragen - ein 
Gedächtnis der Region: Die Objekte liefern einmalige 
Einblicke in die Arbeits- und Alltagsgeschichte der 
Industrialisierung. Das Spektrum reicht vom Abortkübel 
bis zur Dampflok, von der Glasmacherpfeife bis zum 
Henkelmann. Nur ein Bruchteil der Stücke ist 
normalerweise in den Dauerausstellungen an den acht 
Standorten des Museums in Bocholt (Kreis Borken), 
Bochum, Dortmund, Hattingen (Ennepe-Ruhr-Kreis), Lage 
(Kreis Lippe), Petershagen (Kreis Minden-Lübbecke), 
Waltrop (Kreis Recklinghausen) und Witten (Ennepe-Ruhr-
Kreis) für die Öffentlichkeit zugänglich. Zum Jubiläum 
packt das WIM sein Lager aus und zeigt noch bis zum 12. 
September in der Zentrale auf der Zeche Zollern II/IV 
in Dortmund rund 500 "Schätze der Arbeit". In einer 
Serie stellt der LWL die originellsten, ältesten und 
bedeutsamsten Exponate der Ausstellung vor.


Schutz für einen Mann - die "Luftschutz-Splitterschutz-
Zelle" von Dywidag

Entlang der Bahnlinien, bewachsen mit Gras und oft halb 
verschüttet, stehen die Ein-Mann-Bunker. Die Reisenden 
in den Zügen sehen sie kaum, die Zugführer wohl auch 
nicht. Es gibt nicht mehr viele, doch noch immer sind 
sie da: Unscheinbare Zeugnisse des Zweiten Weltkrieges. 
Sie gaukelten Si-cherheit vor, weitab von den echten, 
großen, unterirdischen Bunkern in den Städten. Die 
"Ein-Mann-Splitterschutz-Zelle" der Firma DYWIDAG steht 
nicht nur im Museum. Viele von ihnen sind noch in 
freier Natur zu besichtigen - wenn man sie findet.

Die 40er Jahre des vergangenen Jahrhunderts: Der Zweite 
Weltkrieg neigt sich dem Ende. Die Luft-Angriffe der 
Alliierten bedrohen die deutschen Städte und damit die 
Menschen, die in ihnen wohnen. Im Rahmen eines 
Sofortprogramms werden Städte mit über 100.000 
Bewohnern mit Bunkern ausgestattet. Doch wo sollten 
sich die Arbeiter schützen, die häufig unterwegs waren? 
Zum Beispiel Lokführer oder Rangierer? Oder Wachen, die 
ihren Posten nicht verlassen durften? Für sie 
entwickelte unter anderem die Firma Dyckerhoff und 
Widmann ("DYWIDAG") in Cossebaude die Ein-Mann-
Splitterschutzzelle. Sie war aus Beton, transportabel, 
hatte einen abnehmbaren Deckel, Sehschlitze, mehrere 
Zentimeter dicke Betonwände mit Armierung - und sie war 
der zynische Versuch, Menschen in Sicherheit zu wiegen. 
Denn sie schützte vor umher fliegenden Splittern und 
Trümmern, aber nicht vor Bomben, nicht vor Gas. Dafür 
war sie rund und bot durch ihre Sehschlitze eine 
Rundumsicht, den freien Blick ins Verderben. Trotz der 
sie umgebenden Betonhülle schwebten die Menschen im 
Innern immer in Lebensgefahr. Je nach Größe fanden ein 
bis vier Menschen in ihr Platz. Die Zellen bestanden 
aus Beton, Stahl oder Mauerwerk. Häufig waren sie 
transportabel.

Wann immer die Sirenen vor Luftangriffen warnten, 
liefen die Menschen in die ihnen zugewiesenen Bunker, 
zumeist Kellergewölbe und Stollen. Anja Kuhn, 
Referentin im Westfälischen Industriemuseum 
Henrichshütte Hattingen: "Insbesondere in den stark 
bombardierten Regionen mit Rüstungsindustrie war es 
wichtig, ausreichend Luftschutzräume zur Verfügung zu 
stellen, weil sonst die Arbeiter und ihre Familien in 
weniger gefährdete Gebiete abwanderten."

Weitab von Städten oder dort, wo sich Arbeiter nicht 
schnell genug in große Bunker flüchten konnten, kamen 
die Ein-Mann-Bunker zum Einsatz. Sie standen an 
Rangiergleisen, auf Werksgeländen und überall dort, wo 
der Schutz durch echte Bunker zu weit war. An den 
Überland-Bahnlinien wurden die Bunker natürlich nur von 
den Lokführern gefunden, die ihre Standorte kannten. 
Die Reisenden hatten keine Chance, den vermeintlich 
sicheren Raum zu finden.

Eine der Zellen steht in der Ausstellung "Schätze der 
Arbeit". Sie diente von 1940 bis 1945 den Menschen am 
Bahnhof Welver im Kreis Soest als provisorischer 
Schutz. Der kleine Bunker ist zweieinhalb mal 
eineinhalb Meter groß und wiegt 3,5 Tonnen. Allgemein 
waren die Ein-Mann-Bunker der Firma DYWIDAG billiger in 
der Anschaffung und einfacher in der Ausstattung.  Die 
Konkurrenzprodukte der Firma Westermann waren offenbar 
besser verarbeitet und boten mehr Schutz. Doch Schutz - 
der war relativ im Zweiten Weltkrieg. Kriminologen von 
heute würden wohl eher sagen: "Die Bunker erhöhten das 
subjektive Sicherheitsgefühl der Menschen." Doch 
objektiv minderte der Bunker die tödliche Gefahr kaum.


INFO

Schätze der Arbeit
25 Jahre Westfälisches Industriemuseum
20. Juni bis 12. September 2004 
Zeche Zollern II/IV
Grubenweg 5,
Dortmund-Bövinghausen
Geöffnet dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr

Pressekontakt:
Frank Tafertshofer, Telefon: 0251 591-235
presse at lwl.org 

Weitere Informationen finden Sie im Internet unter:
http://www.zeche-zollern.de