[WestG] [AKT] Historisches Jahr Ahlen 2005

Alexander Schmidt Alexander.Schmidt at lwl.org
Don Jul 22 11:46:16 CEST 2004


Von: "Manfred Kehr", <kehrm at stadt.ahlen.de>
Datum: 22.07.2004, 09:21


AKTUELL

Historisches Jahr AHLEN 2005

Anlaß und historische Grundlagen

Anlaß 

Auf der Grundlage von geschichtlichen Daten und Fakten beschloss
der Schul- und Kulturausschuß der Stadt Ahlen im Februar 2001, im
Jahre 2005 ein "Jahr der regionalen und örtlichen Geschichte" zu 
begehen. Gemeinsam mit der Kirchengemeinde St. Bartholomäus, 
der örtlichen Trägerin der Aktivitäten zum 1.200jährigen Jubiläum 
des Bistums Münster, und dem Heimatförderkreis der Stadt Ahlen 
entsteht zur Zeit ein Vortrags- und Veranstaltungsprogramm, das 
ergänzt wird durch Großveranstaltungen wie den Westfalentag, 
den Kreisheimattag oder den Westfälischen Hansetag.


Historische Grundlagen
Christliche Missionen vor Liudger

Vor 1.200 Jahren, am 30. März 805, markierte die Bischofsweihe
des friesischen Wandermissionars Liudger in Köln den Beginn des
Bistums Münster. Der Gründung waren mehrere Missionen zur
Christianisierung des Münsterlandes vorausgegangen, unter 
denen die Liudgers seit 792/3 die letzte war. Sein Vorgänger 
als Missionar im Ostmünsterland war seit etwa 778/80 der Abt
 Bernradh oder Beornrad von Echternach, ein Angelsachse am
Hofe Karls des Grossen, der mit seiner Abtwürde seit 785/6 auch
die des Erzbischofs von Sens verband und 797 starb.

Seine Missionstätigkeit prägte vor allem das Ostmünsterland, den
Einflussbereich der Ekbertiner, des führenden Adelsgeschlechtes
in Westfalen, dessen Stammvater Ekbert von Karl dem Grossen 
zum Grafen und zu seinem Vertreter zwischen Rhein und Weser 
eingesetzt worden war. Er war vermählt mit der Fränkin Ida, einer
Verwandten Karls des Grossen, und hatte in Hovestadt an der
Lippe seinen Stammsitz. Auf dem gegenüberliegenden Ufer in
Herzfeld errichtete seine Gemahlin bereits um 790 eine Kirche,
die zu einem christlich-kulturellen Ausstrahlungszentrum  für das
umliegende Land wurde. 

Doch setzt die christliche Mission des Ostmünsterlandes unter dem
Schutz der Ekbertiner schon früher im Ostmünsterland ein. In
Beckum dürfte um 775 eine fränkische Militärsiedlung mit einer
Stephanus-Kirche gegründet worden sein, in Freckenhorst nicht 
später durch eine kölnische Mission eine St. Petrus-Kirche, die
eine Eigenkirche der Ekbertiner war. Sie könnte ein heidnisches 
Heiligtum des Draingaus abgelöst haben und war mit einem
weiträumigen frühen christlichen Friedhof verbunden. Um 854
wurde an der Kirche ein adliges Damenstift begründet. 


Erste Spuren im Raum Ahlen

Im Zusammenhang mit der Tätigkeit des Missionsabtes Beornrad 
dürften spätestens um 785 auch Missionskirchen in Warendorf, 
Ahlen und Liesborn entstanden sein, nachdem im Spätsommer 
784 beim Haus Heerfeld in der Pfarrei Liesborn an der Mündung 
der Glenne in die Lippe das letzte Gefecht der heidnischen 
Westfalen gegen die Franken stattgefunden hatte und sich ihr 
Anführer Widukind 785 dem Frankenkönig Karl dem Grossen 
unterwarf und die Taufe empfing. Als Anführer der Franken 
hatte Karl seinen Sohn Karl bestimmt. 

Die Toten des Gefechtes fanden ihre letzte Ruhestätte auf dem
gegenüberliegenden Glenneufer, wo über ihren Gräbern eine
Kapelle erbaut wurde, das heutige Cappel (Stadt Lippstadt). 
Diese Nähe des karolingischen Hauses zum Ort Liesborn rückt
die Liesborner Klosterüberlieferung durchaus in den Bereich der 
Wahrscheinlichkeit, dass das adlige Damenstift Liesborn, als
dessen Gründer die Adligen Bardo und Boso gelten, von Karl 
dem Grossen und Papst Leo III. mitbegründet worden ist und in 
zeitlichem Zusammenhang mit dem grossen Reichstag Karls des
Grossen 799 in Paderborn steht, zu dem er den Papst dort
empfing. 

Auch der Stiftsgründung in Liesborn geht nach archäologischen 
Untersuchungen die Gründung einer Missionskirche dort im
8. Jahrhundert mit einem weiten Pfarrsprengel voraus, der 
bis Lipperode und Mastholte im Osten reichte und hier bis ins 
16. Jahrhundert die Ostgrenze des Bistums Münster bezeichnete.


Ersterwähnung Ahlens

In diesen Zusammenhang sind auch die mittelalterlichen Anfänge 
der Stadt Ahlen einzuordnen. Das älteste Zeugnis dafür ist die
Überlieferung des Namens Ahlen  als "alan" in der Vita secunda 
sancti Liudgeri", einer Lebensbeschreibung des ersten Münsteraner 
Bischofs durch einen Werdener Mönch, die in der Mitte des 
9. Jahrhunderts entstanden ist, also der Zeit noch relativ nahe 
steht. Die Namensüberlieferung ist eingebunden in eine dort
berichtete "Blindenheilung in Ahlen" durch "Bischof" Liudger. 

Wenn diese Nachricht zutrifft, ist sie zeitlich in die Bischofsjahre 
Liudgers vom 30. März 805 bis zu seinem Tod am 26. März 809
in Billerbeck einzuordnen. Sie kann durchaus aber auch bereits
der vorbischöflichen Zeit Liudgers als Missionar des Münsterlandes
seit 792/93 angehören, da der Werdener Mönch aus seiner 
späteren Sicht das Wirken Liudgers beschreiben will, ohne dabei
zwischen den Zeiten des Missionars und des Bischofs zu trennen. 
Das Datum der wundersamen Heilung ist damit nicht exakt zu 
ermitteln. Damit ist auch die Ersterwähnung Ahlens im Rahmen 
der Blindenheilung Liudgers nur ungefähr auf den Zeitraum seiner
Tätigkeit als Missionar und Bischof für die Jahre 792/3-809 festzulegen.


Siedlungsspuren des 8. Jahrhunderts

Die berichtete Wunderheilung in Ahlen vollzog sich jedoch
keineswegs an einem damals unbesiedelten Ort, sonst würde
dieser keinen Namen tragen. Vielmehr bestand am Übergang 
der Strasse von Dolberg über die Werse nach Norden bereits
eine Siedlung, die ihren Namen wahrscheinlich von der Flussaue 
(Aa) herleitete und bereits seit spätestens 785 eine dem Heiligen
Bartholomäus geweihte Taufkirche auf einer Sanddüne oberhalb
der Werse trug. 

Sie zeichnete sich durch einen grossen Pfarrsprengel aus, der
im Süden bis Dolberg, Heessen, Bockum und Hövel entlang der
Lippe reichte und in begrenzter Weise auch das nördliche, westliche 
und östliche Umland umfasste. Das weist auf die Ursprünglichkeit 
der Ahlener Kirche als Taufkirche hin, die mithin noch in die 
vorliudgerische Zeit, die Zeit des Missionsabtes Beornrad (ca. 778-792), 
fallen muss. Liudger fand also bei seinem Besuch in "alan" bereits
eine Kirchengemeinde vor. Die berichtete Wunderheilung hat sich 
demnach keineswegs isoliert, sondern vor dem Umstand der 
Pfarrgemeinde vollzogen, so dass sie auch öffentlichkeitswirksam 
war. Darum ging sie auch in die Vita des Bischofs nach seinem Tode ein.


Fazit

Auch wenn damit keine exakte jahrmässige Datierung der berichteten 
Wunderheilung vorliegt, so macht sie doch deutlich, dass Ahlen bereits
zu Liudgers Zeiten ein besiedelter Ort mit einer Pfarrgemeinde war. 
Der Ort kann daher zurecht sein Bestehen mit dem herausragenden 
Datum der Bischofsweihe Liudgers 805 und der damit gegebenen 
Gründung des Bistums Münster verbinden unabhängig davon, in welches
der angrenzenden Jahre der Amtszeit Liudgers die von ihm berichtete 
Wunderheilung fällt. Festzuhalten ist auch, dass mit der Überlieferung 
des Namens "alna" * "Ahlen" in diesem Zusammenhang eine der frühesten
Ortsnamensbezeichnungen des Kreises Warendorf vorliegt.

Das 1.200jährige Ortsjubiläum 2005 in Ahlen gründet also auf einem 
sicheren historischen Fundament. Es weist eine besondere Beziehung 
des Ortes und der jungen Pfarrgemeinde zu dem damaligen Gründerbischof 
des Bistums Münster, des Heiligen Liudger, auf, die sich auch unter dessen
Nachfolgern fortsetzte, denen Ahlen 1224 seine Stadtgründung verdankte
und bis zur Säkularisation 1803 als Landstand des Fürstbistums Münster 
unterstand.

(Prof. Dr. Paul Leidinger)


INFO

Weiterführende Literatur:

Kemper, Heinrich: Ahlen seit dem 8. Jahrhundert n. Chr. ständig besiedelt; HKW 1981, S.72 ff.
ders.: Ahlens mittelalterliche Stadtentwicklung; HKW 1984, S.26 f.
ders./Pour, E.: Archäologische Untersuchungen im Ahlener Stadtkern; HKW 1987, S.65 ff.
Kohl, Wilhelm: Quellen zur Bevölkerungsgeschichte des Kreises Beckum; HKB 1964, S.56 ff.
ders.: Die Blindenheilung Bischof Liudgers; HKW 1982, S.21 f.
Leidinger, Paul: Das letzte Gefecht der heidnischen Westfalen 784 bei Liesborn,
in: Münsterland - Jahrbuch des Kreises Warendorf 54, 2005 (im Druck)
ders.: Die Entwicklung des mittelalterlichen Pfarrnetzes im Ostmünsterland vom 9.-13. Jahrhundert, ebenda (im Druck)
ders.: Zur Christianisierung des Ostmünsterlandes im 8. Jahrhundert und zur Entwicklung des mittelalterlichen Pfarrsystems. Ein Beitrag zum 1200-jährigen Bestehen des Bistums Münster 2005, in: Westfälische Zeitschrift Band 154, 2004, im Druck, erscheint Spätherbst 2004; vgl. die Zusammenfassungen des Beitrags auch im Jahrbuch des Kreises Warendorf 2005, erscheint im November 2004
Mayr, Alois: Ahlen in Westfalen, Quellen und Forschungen zur Geschichte der Stadt Ahlen, Bd. 2, Ahlen 1968
Rothert, Hermann: Westfälische Geschichte, 3 Bde., Osnabrück 1986
Schulte, Anton: Die Blindenheilung in Ahlen. Eine Miniatur aus dem elften Jahrhundert; HKB 1958, S.23 ff.
Schulte, Ludger: Von *alna" bis Ahlen: 750 Jahre; HKB 1974, S.27 ff.
Schulte, Dr. Wilhelm: Wie Ahlen entstand; Heimatbuch der Stadt Ahlen, SGV Heimatverein, 1929, S. 30-41

Manfred Kehr
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