[WestG] [AUS] Revolutionierung der Stahlherstellung, 20.06-12.09.2004, Dortmund

Alexander Schmidt Alexander.Schmidt at lwl.org
Mit Jul 21 08:44:49 CEST 2004


Von: "LWL-Pressestelle", <presse at lwl.org>
Datum 20.07.04, 15:09 


AUSSTELLUNG

Englischer Edelmann revolutionierte die Stahlherstellung

Ausstellung zeigt zum Jubiläum 'Schätze der Arbeit'

Mit einer großen Ausstellung feiert der Landschaftsverband
Westfalen-Lippe (LWL) in diesem Jahr das 25-jährige Bestehen
des Westfälischen Industriemuseums. Mehr als 250.000
Objekte hat das Museum in dieser Zeit zusammengetragen -
ein Gedächtnis der Region: Die Objekte liefern einmalige Einblicke
in die Arbeits- und Alltagsgeschichte der Industrialisierung. 
Das Spektrum reicht vom Abortkübel bis zur Dampflok, von 
der Glasmacherpfeife bis zum Henkelmann. Nur ein Bruchteil 
der Stücke ist normalerweise in den Dauerausstellungen an 
den acht Standorten des Museums für die Öffentlichkeit zugänglich.

Zum Jubiläum packt das Westfälische Industriemuseum sein
Lager aus und zeigt ab dem 20. Juni in der Zentrale auf der 
Zeche Zollern II/IV in Dortmund rund 500 'Schätze der Arbeit'.
In einer Serie stellt der LWL die originellsten, ältesten und
bedeutsamsten Exponate der Ausstellung vor. Die Bessemer-Birne
Die Arbeit am Hochofen war hart. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts, 
als die Hochofentechnik auch in Deutschland Einzug hielt, 
entstanden neue Berufe, die sowohl schwerste Handarbeit 
erforderten, als auch viele Gefahren mit sich brachten.
Extreme Temperaturwechsel, starker Schmutz und Gestank 
und die Angst vor Verbrennungen oder Quetschungen 
bestimmten den Alltag der Arbeiter in der Eisenhütte. 

Rund 70 Beschäftigte mit unterschiedlichen Tätigkeiten 
teilten sich die Aufgaben an einem Hochofen, zum Beispiel 
Schmelzer, Gießer, Pfannenwärter und Schlackenmänner.
Dazu gehörten auch die 'Puddler'. Ihre Aufgabe war es, 
das flüssige Eisen im Ofen mit langen Stangen stundenlang 
zu rühren. Auf diese Weise wurde das Roheisen 'gefrischt', 
das heißt mit Sauerstoff angereichert. Durch die Oxidation 
wurde es von allen Beimengungen gereinigt, und es entstand 
Stahl, der sich problemlos weiterverarbeiten ließ. Die Puddler 
wussten um ihre Bedeutung als unentbehrliche Kräfte im
Prozess der Stahlgewinnung. Sie galten als selbstbewusst 
und ließen sich ihre schwere, gleichzeitig aber auch sehr 
geschickte Arbeit gut bezahlen.

Oft wurden sie aus der Ferne angeworben. Denn nur wer 
jahrelange Erfahrungen hatte, konnte das Eisen richtig rühren. 
Und da die Puddler aus ihrer Kunst ein Geheimnis machten, 
waren sie begehrte und teure Facharbeiter. Bis ein Engländer 
sie mit seiner Erfindung überflüssig machte. Sir Henry Bessemer, 
Bauingenieur, Erfinder und Sohn eines Schriftgießers, erfand 
1856 auf der Suche nach einem Metall für Kanonengeschosse
einen Konverter - die Bessemer-Birne. Mit seinem Verfahren war 
es möglich, den Sauerstoff mechanisch von unten in die 
Roheisenmasse einzublasen. Damit revolutionierte der Brite die 
gesamte Stahlherstellung. 

In der Birne ließen sich drei Tonnen Stahl in nur 20 Minuten herstellen.
Vorher hatten die Puddler dafür 24 Stunden gebraucht. Die 
Unternehmen nutzten nun die Gelegenheit, sich der selbstbewussten
und teuren Puddler zu entledigen. Auch wenn im Laufe der folgenden 
Jahre das Bessemer-Verfahren immer weiter entwickelt und auch 
verändert wurde, schuf der in den Ritterstand erhobene Engländer 
die Voraussetzung zur Massenproduktion von Stahl. In der Ausstellung
'Schätze der Arbeit' ist die Bessemer-Birne 'aus industriehistorischer
Sicht ein echter Schatz', erklärt Simona Krause vom Westfälischen
Industriemuseum. 'Denn mit der Erfindung immer besserer Verfahren
der Stahlherstellung verschwanden die Bessemer-Birnen im Laufe des 
20. Jahrhunderts nach und nach aus den Stahlwerken.' 

Das Ausstellungsstück stammt aus einem dreiteiligen Ensemble, mit
dem ein Eisenwerk im sauerländischen Menden (Märkischer Kreis)
bis in die 1960er Jahre flüssigen Stahl produzierte. 'Vermutlich sind 
diese drei Bessemer-Birnen die einzigen, die noch in Deutschland 
erhalten sind', meint Simona Krause. Beeindruckend ist auch das 
Gewicht des Ausstellungsstücks: Mit 18 Tonnen wiegt es soviel wie
ein voll besetzter Bus. 


INFO

Schätze der Arbeit 25 Jahre Westfälisches Industriemuseum 
20. Juni bis 12. September 2004 

Zeche Zollern II/IV
Grubenweg 5
Dortmund-Bövinghausen
Telefon: 0231 6961-111
Telefax: 0231 6961-114
E-Mail: Zeche-Zollern at lwl.org
Url: www.industriemuseum.de

Geöffnet
dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr 
Eintrittspreise: Erwachsene: 3,50 €, ermäßigt: 2,10€
Familienkarte: 8 €