[WestG] [AKT] Philosoph untersuchte die Bedeutung des 17.
Jahrhunderts fuer die Moderne
Marcus Weidner
Marcus.Weidner at lwl.org
Fre Jul 16 10:57:37 CEST 2004
Von: Pressestelle Universität Münster <pressestelle at uni-muenster.de>
Datum: 15.07.2004, 15:00
AKTUELL
Im Schatten der Aufklärung
Philosoph untersuchte die Bedeutung des 17. Jahrhunderts für die
Moderne
Wie ein gewaltiger Lichtstrahl breitete sich die Aufklärung über
Europa aus. Noch heute verbinden wir Schlagworte wie "Vernunft" und
"Naturrecht" intuitiv mit dem 18. Jahrhundert. Im Schatten dieser
wirkungsmächtigen Epoche steht das 17. Jahrhundert. In seinem Buch
"Das Weltbild des 17. Jahrhunderts. Philosophisches Denken zwischen
Reformation und Aufklärung" lenkt Prof. Dr. Martin Schneider von der
Universität Münster den Augenschein auf diese nur wenig im
allgemeinen Bewusstsein verankerte Epoche des Übergangs.
"Das 17. Jahrhundert ist für unser heutiges Wissenschafts- und
Gesellschaftsverständnis prägend", betont Schneider. Die
entscheidenden Umschwünge des 18. Jahrhunderts seien im 17.
Jahrhundert vorbereitet worden - einem Jahrhundert, dem seit jeher
Schneiders Interesse gilt, ist er doch Editionsleiter der
philosophischen Reihen der Leibniz-Akademieausgabe der
Leibniz-Forschungsstelle der Universität Münster. "Leibniz ist
zugleich genialer Erneuerer und Bewahrer der Tradition", sagt
Schneider. In seinem Forschungsansatz widmet er sich aber weniger den
Personen, sondern gibt einen philosophiegeschichtlichen Überblick
über die Epoche. "Nicht wie üblich Autor für Autor abhandeln",
lautet sein Vorsatz. Er orientiert sich an leitenden Ideen und
Kontroversen, um so ein systematisches und ganzheitliches Bild der
Epoche zu zeigen. In der Auswahl der Autoren konzentriert er sich
insbesondere auf die großen Philosophen der Zeit, wie Leibniz und
Descartes, zeigt aber auch weniger bekannte Strömungen wie die
spanische Spätscholastik auf. Er versucht keine neuen Thesen zu
erarbeiten, sondern eine unmittelbare und für ein breites Publikum
ansprechende Überblicksdarstellung zu bieten.
Gängige Beschreibungen wie zum Beispiel "Absolutismus", "Barock",
"Merkantilismus" oder "Gegenreformation" treffen laut Schneider zwar
auf das 17. Jahrhundert zu, gelten aber nicht exklusiv für diese
Zeitspanne, die er - anders als viele seiner Kollegen - als
eigenständige Geistesepoche verstanden wissen möchte. So setzt er
die zeitlichen Grenzen mit dem Konzil von Trient - der Reaktion der
katholischen Kirche auf den Protestantismus - und dem Tod des
Sonnenkönigs Ludwig XIV, dem absoluten Monarchen schlechthin. Diese
Zeitspanne von 1563 bis 1715 erhebt keinen absoluten Anspruch auf
Richtigkeit, sie ist aber auch nicht willkürlich gesetzt, denn sie
umfasst den Übergang zwischen Reformation und Aufklärung. "Der
Übergangscharakter, die Mischung aus Altem und Neuem macht die
Epoche besonders interessant", sagt Schneider fasziniert. Gerade
dieses Wechselspiel von Tradition und Fortschritt mache den Charakter
der Epoche aus. "Nach den langwierigen Glaubenskämpfen im 16.
Jahrhundert fanden die Menschen in der Religion keine Ruhe mehr und
besannen sich auf ihren Verstand. Im Unterschied zur Aufklärung
spielte die Religion aber weiter eine große Rolle. Die Menschen
versuchten, auch sie rational zu begründen", sagt Schneider.
Darin sieht er auch eine wichtige Bedeutung des 17. Jahrhunderts für
die Moderne: "Unser Wissenschaftsverständnis geht auf das Denken
dieses Zeitalters zurück." Die quantitative Betrachtungsweise, die
heute noch weit größere Verbreitung und Bedeutung erfahren hat,
ist damals entstanden. Nach dem Vorbild von Mathematik und Mechanik
orientierten sich auch die Geisteswissenschaften an der methodischen
Vernunft. Eine Universalwissenschaft, ein Verbund aller
Wissenschaften, wurde angestrebt. Regelgeleitet versuchten die
Philosophen, alle Naturphänomene durch Quantität, Figur und
Bewegung zu erklären. Damit stießen sie allerdings auf Grenzen.
Phänomene wie Seele oder Geist ließen sich nicht mechanisch
begründen. So bildete der Glaube immer noch die Basis der
Diskussion. Die Natur erschien als mechanisch-geregelte, aber dabei
zweckvoll von Gott geleitete kosmische Ordnung.
"Wir müssen uns - von unserem heutigen Selbstverständnis aus
gesehen - dieser Kulturepoche besonders verpflichtet fühlen", sagt
Schneider. So könnte eine Auseinandersetzung mit den eigenen Wurzeln
auch helfen, die eigene Identität zu definieren. "Nur von der
Gegenwart ausgehend und den Modeerscheinungen nacheifernd ist das
nicht möglich", betont er.
INFO
Martin Schneider
"Das Weltbild des 17. Jahrhunderts"
Darmstadt Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2004
34,90 Euro
Leibniz-Forschungsstelle
http://www.uni-muenster.de/Leibniz