[WestG] [AUS] Tuerkische Einwanderer in Bochum, Dortmund,
20.06.-12.09.2004
Alexander Schmidt
Alexander.Schmidt at lwl.org
Mit Jul 7 10:40:41 CEST 2004
Von "LWL-Pressestelle", <presse at lwl.org>
Datum: 06.07.04, 12:49
AUSSTELLUNG
Zwischen Hoffnung und Einsamkeit: Türkische Einwanderer in Bochum
LWL zeigt zum Jubiläum seines Industriemuseums 'Schätze der Arbeit'
Mit einer großen Ausstellung feiert der Landschaftsverband
Westfalen-Lippe (LWL) in diesem Jahr das 25-jährige Bestehen
des Westfälischen Industriemuseums (WIM). Mehr als 250.000
Objekte hat das Museum in dieser Zeit zusammengetragen - ein
Gedächtnis der Region: Die Objekte liefern einmalige Einblicke in
die Arbeits- und Alltagsgeschichte der Industrialisierung. Das
Spektrum reicht vom Abortkübel bis zur Dampflok, von der
Glasmacherpfeife bis zum Henkelmann. Nur ein Bruchteil der
Stücke ist normalerweise in den Dauerausstellungen an den acht
Standorten des Museums für die Öffentlichkeit zugänglich.
Zum Jubiläum packt das Westfälische Industriemuseum sein
Lager aus und zeigt ab dem 20. Juni in der Zentrale auf der
Zeche Zollern II/IV in Dortmund rund 500 *Schätze der Arbeit".
In einer Serie stellt der LWL die originellsten, ältesten und
bedeutsamsten Exponate der Ausstellung vor. Die Türkische
Gebetskette Tesbih und die Fotoserie *Türkisches Leben im
Ruhrgebiet" Es sieht aus, als hätten sich die beiden Familien
ein Stück Heimat geschaffen, eine kleine Idylle mitten in der
Fremde: In der Küche von Leyla Can liegt ein Gebetsteppich,
auf den sich die Frau demütig kniet, im Garten pflanzt Emine
Sevim das Gemüse an, das sie von zu Hause, aus der Türkei,
kennt.
Doch die Fotos der Bochumer Fotografin Brigitte Krämer
zeigen auch die Schattenseiten: Im Treppenhaus kommt die
Tapete von der Wand, und der alte Kohleofen in der Küche
zeugt für die ärmlichen Verhältnisse, in denen die türkischen
Einwanderer leben. Die Fotografin bildet nicht nur ab. Sie hält
in ihren Werken die Atmosphäre fest, die in den kleinen
Siedlungshäusern Am Rübenkamp in Bochum-Hordel herrschte.
Dort lebten bis vor drei Jahren türkische Arbeiter mit ihren
Familien, obwohl die Koloniehäuser längst abbruchreif waren.
"Brigitte Krämer hat das Vertrauen der Bewohner gewonnen.
Nur so konnten Fotografien entstehen, die einen ganz persönlichen
Blick auf den Alltag der Menschen zulassen", erklärt Dietmar Osses,
Leiter des Westfälischen Industriemuseums Zeche Hannover in
Bochum. Und die von der Hoffnung der Gastarbeiter auf ein besseres
Leben und gleichzeitig von der Einsamkeit in Deutschland erzählen.
Seit 1984 beschäftigt sich die Bochumer Fotografin mit Ausländern
im Ruhrgebiet. Die ausgestellte Fotoserie ist eine Auswahl aus 120
Fotografien aus der Sammlung des LWL-Industriemuseums.
Sie alle haben das Leben der Türken im Ruhrgebiet zum Thema.
Nicht ihre Arbeitsplätze, nicht ihr Auftreten in der Öffentlichkeit,
sondern ihr Leben in den Wohnungen und Gärten. Als die ehemaligen
Bergarbeiterhäuser 2001 abgerissen wurden, hat man dort eine
türkische Gebetskette gefunden. Sie hing an einem Nagel über dem
Türrahmen der Küche. Ob die Bewohner sie vergessen haben, als
sie ausgezogen sind, oder ob sie die Kette absichtlich zurückgelassen
haben, weiß niemand. Auf jeden Fall gehörte die Gebetskette
jahrelang zum festen Inventar. Im islamischen Glauben wird diese
Kette dazu benutzt, kurze Gebete meditativ zu wiederholen und damit
Allah zu preisen.
Die Holzkette besteht aus 33 Perlen (drei Perlen bilden zusätzlich
den Abschluss der Kette), meistens wird eine Formel wie "Lob sei Gott"
33 Mal wiederholt. Das Gebet kann mithilfe der Kette sowohl in der
Gruppe als auch still für sich geübt werden. Die ständigen
Wiederholungen sollen die Konzentration auf das Gebet verstärken.
In der Ausstellung "Schätze der Arbeit" dokumentiert die Gebetskette
das Leben der "Gastarbeiter" in der Fremde und das Bemühen,
einzelne Dinge ihres Kulturkreises und ihren Glauben mit nach
Deutschland zu bringen, um so wenigstens den Hauch von Heimat
zu spüren. Die türkischen Arbeiter bildeten seit Anfang der 70er Jahre
die größte Gruppe der "Gastarbeiter".
Nach dem Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und der
Türkei 1961 bis zum Anwerbestopp 1973 wanderten etwa
860.000 Türken ein. Während die meisten Zuwanderer aus
anderen Ländern dem Christentum angehörten, bildeten die
Türken eine Ausnahme, was mit erheblichen Schwierigkeiten für
sie verbunden war. Sie fanden kaum Gelegenheit, ihre Religion
auszuüben. Gleichzeitig stießen der islamische Glauben und die
anderen Normen und Gebräuche oft auf Misstrauen und sogar
Ablehnung in der deutschen Bevölkerung. Das führte oft zur
Ausgrenzung und damit zur Vereinsamung der ausländischen
Familien.
Dennoch blieben auch in konjunkturell schlechten Zeiten viele
türkische Einwanderer in Deutschland. Während in den 80er
Jahren bis zu 90 Prozent der ausländischen Arbeiter wieder in
ihre Heimat zurückkehrten, waren es bei den Türken nur knapp
60 Prozent. Ein Grund: Die schlechte wirtschaftliche und politische
Lage in der Türkei hatte sich nicht wesentlich gebessert. Zudem
waren die meisten türkischen Arbeiter erst seit kurzer Zeit in
Deutschland und hatten ihr Sparziel, sich in der Heimat eine
eigene Existenz aufbauen zu können, noch nicht erreicht.
INFO
Schätze der Arbeit 25 Jahre Westfälisches Industriemuseum
20. Juni bis 12. September 2004
Zeche Zollern II/IV
Grubenweg 5
Dortmund-Bövinghausen
Geöffnet dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr
Eintrittspreise: Erwachsene: 3,50 €,
ermäßigt: 2,10 €, Familienkarte: 8 €
www.industriemuseum.de