[WestG] [AKT] St.-Andreas-Kirche in Soest-Ostoennen hat die
wahrscheinlich aelteste Orgel der Welt
Rita Börste
rita.boerste at lwl.org
Mon Nov 3 17:35:58 CET 2003
Von: "LWL-Pressestelle" <presse at lwl.org>
Datum: 03.11.2003, 15:40
AKTUELL
Untersuchungen von Orgelexperten und LWL-Denkmalpflegern zeigen:
In Ostönnen bei Soest steht die wahrscheinlich älteste Orgel der Welt
Soest-Ostönnen. Als die Denkmalpfleger des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe
(LWL) gemeinsam mit renommierten Orgelexperten die Orgel der St.-Andreas-Kirche in
Ostönnen bei Soest untersuchten, weil eine Restaurierung dringend notwendig war, lag die
Geschichte des Instrumentes noch weitgehend im Dunkeln. Zwar vermuteten alle Beteiligten,
dass die Orgel einen großen historischen Wert hat, doch die Ergebnisse der Untersuchungen,
die eine Orgelpfeife sogar ins Krankenhaus führte, überraschte alle Beteiligten:
Die Experten sind sich sicher, dass die westfälische Orgel zu den ältesten spielbaren Orgeln der
Welt zählt. "Vieles spricht sogar dafür, dass sie die älteste ist", sagte Orgelexperte Rowan
West bei der Vorstellung der gerade abgeschlossenen Restaurierungsarbeiten am Montag
(03.11.) in Ostönnen. Bei ihrer überraschenden These stützen sich Denkmalpfleger und
Orgelexperten auf eine ganze Reihe Indizien, die sie bei der zwölfmonatigen Restaurierung
entdeckt haben:
Erste Untersuchungen zeigten, dass viele der Pfeifen aus der Gotik
stammten, 326 von ihnen gar vor 1500 entstanden sind. Holztechnische Untersuchungen
belegten, dass im Gehäuse der mehrfach umgebauten Orgel Hölzer von 1447 und 1435 verwendet
worden sind. Bei der originalen Bohlenwindlade, auf der die Pfeifenregister stehen, und
mehreren Stücken ehemaliger Bälge, die für das Gehäuse wiederverwendet wurden, haben die
gotischen Orgelbauer ähnlich altes Holz verwendet:
"Das Holz stammt von Bäumen, die 1410 und 1416 gefällt wurden. Geht man von der üblichen
Holzlagerzeit von 15 Jahren aus, wurde die Windversorgung in der Zeit zwischen 1425 und 1431 gebaut.
Damit gehört die Orgel zu den ältesten der Welt", sagt LWL-Denkmalpflegerin Dr. Roswitha Kaiser. Weitere Forschungen
sollen jetzt klären, wie alt die Tonbuchstaben auf den gotischen Pfeifen sind und was es mit
der merkwürdigen Inschrift auf dem Kern einer gotischen Pfeife auf sich hat, die durch die
endoskopischen Untersuchungen in einem Krankenhaus wie bei einer Magenspiegelung
dokumentiert wurde.
"Vielleicht ist hier eine Art Grundsteinlegung für den Bau dieser Orgel
erfolgt und wir können noch das Geheimnis um den Orgelbau lüften", hoffen die
Denkmalpfleger. Auf jeden Fall hat die Orgel einen Wert, der sich mit den berühmten
Instrumenten in Sion (Schweiz), Kiedrich (Mosel) und Rysum (Ostfriesland) messen lassen
kann, sagt Orgelbauer Rowan West.
Auch wenn sich die letzten Geheimnisse in den anstehenden
Untersuchungen nicht klären lassen sollten, habe die Ostönner Orgel eine besondere
Bedeutung, schließlich seien hier über die Hälfte der Pfeifen, die Lade, der Kasten auf dem
die Pfeifen stehen und Teile des Gehäuses aus der mittelalterlichen Entstehungszeit
erhalten. "Damit ist sie gleichzeitig ein wichtiges Klang-, Technik- und Kunstdenkmal",
unterstreicht Kaiser den kulturhistorischen Wert des Kircheninstrumentes.
In ihrer über 500-jährigen Geschichte hat die Orgel sogar schon einen Umzug hinter sich gebracht: Bis 1721
stand sie in Alt St. Thomae in Soest. Am ersten Standort erweiterte sie ein Meister Bartholdus
1586 bereits um zwei Register. Die Orgel wurde unter anderem 1727, 1760, 1888 und 1963
repariert, sie erhielt 1874 einen neuen Platz in der Kirche und wurde dabei immer wieder
verändert. Vor allem die letzte Reparatur nahm wenig Rücksicht auf den alten Pfeifenbestand
der Orgel und verursachte verschiedene Schäden.
Deshalb war allen Beteiligten schnell klar, dass diese Veränderungen wieder zurückgenommen werden
mussten. Doch auf welchen Zustand sollte die Orgel zurückgeführt werden? Schließlich einigten sich
Denkmalpfleger und Orgelexperten auf den Zustand von 1721, als die Orgel nach Ostönnen kam. "Denn ohne die
Veränderungen aus dieser Zeit wäre das Pfeifenwerk heute nicht mehr vollständig. Außerdem
war die Qualität der Arbeit aus dieser Zeit so hoch, dass es unverantwortlich wäre, die
Pfeifen zu entfernen", so Kaiser. "Wir haben die Orgel wie in der Gotik üblich gestimmt. Im
Unterschied zu heutigen Klavieren sind dabei die Tonhöhenabstände von Halbton zu Halbton
unter-schiedlich groß. Dadurch klingt die Orgel besonders rein und reizvoll", ergänzt
West.
Die spannende Abwägung, wann bei der Restaurierung eher das historische Klang-, das
original erhaltene Technik- oder das Kunstdenkmal mit seinen gotischen Orna-menten im
Mittelpunkt stand, hat das Westfälische Landesmedienzentrum des LWL in einem Videofilm
dokumentiert, der noch in die-sem Jahr fertig sein wird. Dabei hat das Filmteam um
Produktionsleiter Hermann-Josef Höper alle Arbeitsschritte dokumentiert.
So schauten die LWL-Filmer beispielsweise dem Orgelbauer Rawon West bei der Arbeit in seiner Ahrweiler
Werkstatt mit der Kamera über die Schulter. "Wir wollten aber auch die seltene Gelegenheit
nutzen, das Innenleben einer historischen Orgel zu zeigen, das sonst nicht zu sehen ist. Mit
Detailaufnahmen wollen wir auch dem Laien näher bringen, wie die Königin der Instrumente
funktioniert", erklärt Höper.