[WestG][LIT] Christa Paschert-Engelke: Zwischen Himmel und
Erde
Rita Börste
r.boerste at lwl.org
Mit Jun 11 17:59:41 CEST 2003
Von: "Rita Börste" <r.boerste at lwl.org>
Datum: 11.06.2003, 16.55
Anmerkung der Redaktion:
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Christa Paschert-Engelke (Hg.): Zwischen Himmel und Erde. Weibliche Lebensentwürfe und Lebenswelten in Westfalen vom Mittelalter bis in die Gegenwart, (Forum Regionalgeschichte, Bd. 10), Münster 2003.
Dem Gedanken, dass sich Geschichte nicht nur in den großen Zentren abspielt(e), sondern jeder Ort seine eigene bedeutsame Geschichte aufweist, trägt das beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe angesiedelte Westfälische Institut für Regionalgeschichte mit seiner inzwischen zehn Bände umfassenden Reihe "Forum Regionalgeschichte" seit Jahren Rechnung.
Der soeben erschienene Sammelband "Zwischen Himmel und Erde" behandelt historische weibliche Lebensentwürfe und -welten ausgehend vom Mittelalter bis in die heutige Zeit. Er ist das Ergebnis einer vom Verein zur Förderung der Frauenerwerbstätigkeit im Kreis Warendorf (VFFE e.V.) 2001 durchgeführten Reihe mit Salongesprächen in der ehemaligen Abtei Freckenhorst. Die Veranstalterinnen haben bewusst die Form der "Salongespräche" gewählt, da diese seit Ende des 18. und während des 19. Jahrhunderts "Freiräume weiblicher Emanzipation" bildeten und eine der wenigen Möglichkeiten für Frauen gehobener Schichten darstellten, Zugang zur (Bildungs-) Öffentlichkeit zu erhalten.
Als Resümee und Ausblick der Vortragsreihe ist der nun vorliegende Band entstanden. Die Publikation lässt sich nahtlos einreihen in das "Säkularisationsjahr 2003", in dem zur Zeit durch viele Veranstaltungen an die Aufhebung von Klöstern und Stiften vor 200 Jahren gedacht wird. Er wendet sich explizit an Leserinnen und Leser auch ohne historische Vorkenntnisse. In acht Beiträgen von sechs verschiedenen Autorinnen vermittelt der Sammelband auf der einen Seite Über- und Einblicke in das Alltagsleben von Frauen in Klöstern und Stiften, auf der anderen Seite spiegelt er zeitgenössische Einschätzungen des Klosterlebens wider.
In chronologischer Reihenfolge bildet Gisela Muschiols überblicksartiger Beitrag zu den Frauenklöstern Westfalens vom Mittelalter bis 1803 den Auftakt. Sie zeigt die Vielfalt und Fülle klösterlichen Frauenlebens im Raum Westfalen auf. Ute Küppers Braun erläutert anschließend am Beispiel dreier ausgewählter Stiftsdamen das Leben adeliger Frauen in freiweltlichen Damenstiften nach der Reformation. Quellengrundlage für den Aufsatz bilden Selbstzeugnisse wie zum Beispiel überlieferte Briefe.
Unmittelbaren Bezug zum Ort der Salongespräche - der Abtei Freckenhorst - nimmt der Beitrag von Edeltraut Klueting: Sie porträtiert ausführlich Leben und Werk der Baumeisterin Clara Francisca von Westerholt. In dem folgenden Aufsatz von Christa Paschert-Engelke "Stiftsfräulein - ein Lebensentwurf" veranschaulicht die Autorin das Verhältnis der Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848) zum Stift Freckenhorst, eingebettet in Einblicke auf das Stiftsleben des 18. Jahrhunderts. Ergänzt wird dieser Beitrag durch einen Auszug aus dem Roman "Das Stiftsfräulein", der von dem jugendlichen Freund Annettes, Levin Schücking, im Anschluss an die gemeinsame Meersburger Zeit verfasst wurde.
Wie einschneidend die Zäsur der Säkularisation auf die einzelnen klösterlichen Gemeinschaften gewirkt hat, lässt sich am Aufsatz von Christa Paschert-Engelke über die Schulleiterin Schwester Maria Seraphia (1873-1956) nachvollziehen, die den Aufbau der ersten höheren Mädchenschule in Ahlen unter gewandelten Rahmenbedingungen betreiben musste. Stilistisch hat sich die Autorin für eine Mischform aus literarischer und wissenschaftlicher Darstellung entschieden.
Anschließend setzt sich Barbara Stambolis kritisch mit dem öffentlichen Bild der Dichterin Luise Hensel (1798-1876) auseinander. In ihrem Beitrag entwirft sie die Skizze einer außerhalb von Ehe und klösterlicher Gemeinschaft lebenden Frau, die darum kämpft, einen auf sie persönlich zugeschnittenen - zeituntypischen - Lebensentwurf führen zu dürfen.
Abgerundet wird die Aufsatzsammlung durch einen persönlichen Erlebnisbericht "aus erster Hand": Schwester Mirjam Ellinger, Benediktinerin im Kloster Vinnenberg, vermittelt einen Eindruck über das klösterliche Leben in der heutigen Zeit und reflektiert über die zukünftigen Perspektiven des unter Nachwuchsmangel leidenden Klosters.
INFO
Christa Paschert-Engelke (Hg.):
Zwischen Himmel und Erde. Weibliche Lebensentwürfe und Lebenswelten in Westfalen vom Mittelalter bis in die Gegenwart
Ardey-Verlag
ISBN 3-87023-082-7
€ 9,90